Die Faustregel der zwei Quartale
Die gängigste Definition ist rein rechnerisch. Maßgeblich ist das reale, also um Preisänderungen bereinigte Bruttoinlandsprodukt, und zwar saison- und kalenderbereinigt. Liegt es in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen jeweils unter dem Wert des Vorquartals, spricht man von einer technischen Rezession. Weil die Regel leicht nachprüfbar ist, ist sie in den Medien beliebt.
| Quartal | Veränderung zum Vorquartal | Einordnung |
|---|---|---|
| 1. Quartal | +0,2 % | leichtes Wachstum |
| 2. Quartal | -0,1 % | erster Rückgang |
| 3. Quartal | -0,2 % | zweiter Rückgang in Folge: technische Rezession |
| 4. Quartal | +0,1 % | Ende der technischen Rezession |
Das Beispiel zeigt die Schwäche der Regel: Über das ganze Jahr ist die Wirtschaft kaum geschrumpft, trotzdem erfüllt sie die Definition. Umgekehrt kann eine Wirtschaft in einem Quartal stark einbrechen, sich kurz fangen und dann erneut fallen, ohne dass die Regel greift. Hinzu kommen Revisionen. Erste Schnellmeldungen werden später häufig korrigiert, sodass eine gemeldete Rezession nachträglich verschwinden oder erst im Rückblick sichtbar werden kann.
Gut zu wissen: Ein Jahresergebnis im Minus ist nicht dasselbe wie eine Rezession nach der Faustregel. Ein starkes Jahresende kann die Durchschnittswerte des Folgejahres rechnerisch stützen und umgekehrt. Ökonomen sprechen dabei vom statistischen Überhang.
Wer eine Rezession feststellt
In Deutschland gibt es keine Stelle, die eine Rezession offiziell ausruft. Das Statistische Bundesamt liefert die Zahlen, die Bewertung übernehmen Wirtschaftsforschungsinstitute, die Bundesbank, der Sachverständigenrat und die Medien. Viele Fachleute verlassen sich nicht allein auf das BIP, sondern betrachten zusätzlich Industrieproduktion, Auftragseingänge, Beschäftigung und Einkommen.
Ein bekanntes Beispiel für eine breitere Definition stammt aus den USA. Dort datiert ein Ausschuss eines privaten Forschungsinstituts Rezessionen anhand vieler Indikatoren, oft erst Monate im Nachhinein. Gemeint ist ein deutlicher, breit angelegter und mehr als nur wenige Monate dauernder Rückgang der Wirtschaftstätigkeit. Nach dieser Lesart kann es eine Rezession auch ohne zwei Minusquartale geben.
Auch die Tiefe macht einen großen Unterschied. Ein Rückgang um wenige Zehntelprozent über zwei Quartale ist etwas völlig anderes als der Einbruch nach der Finanzkrise, als das reale BIP in Deutschland 2009 um mehr als fünf Prozent sank.
Typische Ursachen
Rezessionen haben selten nur einen Auslöser. Meist trifft ein Schock auf eine Wirtschaft, die bereits verwundbar ist. Grob lassen sich vier Gruppen unterscheiden.
Nachfrageschocks
Private Haushalte, Unternehmen oder das Ausland kaufen weniger. Gründe können Verunsicherung, einbrechende Exportmärkte oder staatliche Sparprogramme sein. Für eine exportstarke Volkswirtschaft wie Deutschland hängt viel an der Weltkonjunktur und an wenigen großen Handelspartnern.
Angebotsschocks
Steigen wichtige Kosten plötzlich stark, etwa für Energie oder Rohstoffe, oder reißen Lieferketten, können Unternehmen weniger produzieren. Angebotsschocks sind besonders unangenehm, weil sie das Wachstum bremsen und zugleich die Preise treiben. Im Extremfall entsteht eine Stagflation.
Finanzkrisen
Platzt eine Kreditblase, etwa am Immobilienmarkt, müssen Banken Verluste verkraften und vergeben weniger Kredite. Haushalte und Unternehmen bauen Schulden ab, statt zu konsumieren und zu investieren. Solche Rezessionen dauern erfahrungsgemäß länger, weil die Bereinigung der Bilanzen Zeit braucht.
Geldpolitische Bremsung
Erhöht die Zentralbank die Zinsen kräftig, um Inflation zu bekämpfen, werden Kredite teurer und die Nachfrage sinkt. Das ist gewollt, kann aber über das Ziel hinausschießen, zumal die Wirkung erst mit Verzögerung eintritt. Wie dieser Mechanismus funktioniert, erklärt der Beitrag zum Leitzins.
Folgen für den Arbeitsmarkt
Der Arbeitsmarkt reagiert in der Regel verzögert. Unternehmen trennen sich ungern von eingearbeiteten Fachkräften und bauen zunächst Überstunden und Zeitguthaben ab. In Deutschland kommt das Kurzarbeitergeld hinzu: Die Bundesagentur für Arbeit ersetzt einen Teil des Lohnausfalls, wenn Betriebe die Arbeitszeit vorübergehend senken. So bleiben Arbeitsverhältnisse bestehen, und die Arbeitslosigkeit steigt weniger stark als die Produktion fällt.
Dauert die Schwächephase länger, folgen Einstellungsstopps, nicht verlängerte befristete Verträge und schließlich Entlassungen. Besonders betroffen sind meist konjunkturabhängige Branchen wie Industrie, Bau, Zeitarbeit und Teile des Handels. Die Arbeitslosenquote erreicht ihren Höhepunkt oft erst, wenn die Wirtschaft schon wieder wächst. Deshalb gilt sie als Spätindikator der Konjunktur.
Für Privathaushalte gewinnt in unsicheren Zeiten ein Polster für mehrere Monatsausgaben an Bedeutung. Wie groß solche Rücklagen sein sollten, hängt vom Einkommen, den Fixkosten und der Sicherheit des Arbeitsplatzes ab. Wer bereits Zahlungsschwierigkeiten hat, findet bei gemeinnützigen Schuldnerberatungsstellen in der Regel kostenlose Hilfe.
Was eine Rezession für die Geldanlage bedeutet
Aktienmärkte nehmen wirtschaftliche Entwicklungen meist vorweg. Kurse fallen oft schon, bevor die BIP-Zahlen eine Rezession bestätigen, und erholen sich häufig, bevor die Wirtschaft wieder wächst. Wer erst auf die Statistik wartet, kommt deshalb regelmäßig zu spät, beim Ausstieg ebenso wie beim Wiedereinstieg.
Angenommen, ein breit gestreutes Depot im Wert von 10.000 Euro verliert in einer Rezession 30 Prozent.
Neuer Wert: 10.000 Euro × 0,7 = 7.000 Euro.
Um wieder auf 10.000 Euro zu kommen, braucht es einen Zuwachs von 3.000 Euro auf 7.000 Euro, also rund 43 Prozent.
Wer nach dem Kurssturz verkauft und die Erholung verpasst, macht aus dem Buchverlust einen echten Verlust.
Ergebnis: Verluste wiegen prozentual schwerer als Gewinne. Ein Notgroschen außerhalb des Depots verhindert, dass man im Tief verkaufen muss.
Was in einer Rezession mit einzelnen Anlageformen passiert, lässt sich nur als Tendenz beschreiben, nicht als feste Regel:
- Aktien: Zyklische Branchen wie Autoindustrie, Chemie oder Maschinenbau leiden meist stärker als Versorger, Gesundheit oder Grundnahrungsmittel.
- Anleihen: Hochwertige Staatsanleihen profitieren oft, weil die Zinsen in Erwartung von Leitzinssenkungen fallen. Bei Unternehmensanleihen schwächerer Schuldner steigt dagegen das Ausfallrisiko.
- Tagesgeld und Festgeld: Die Guthaben sind über die gesetzliche Einlagensicherung bis 100.000 Euro je Kunde und Bank geschützt. Die Zinsen sinken aber meist, sobald die Zentralbank gegensteuert.
- Gold: Gilt als Krisenanlage, schwankt aber selbst stark und bringt keine laufenden Erträge.
Wer regelmäßig über einen Sparplan investiert, kauft in Schwächephasen automatisch mehr Anteile zu niedrigeren Kursen. Eine Garantie, dass sich Kurse in einem bestimmten Zeitraum erholen, gibt es allerdings nicht. Eine breite Streuung über Anlageklassen und Regionen dämpft die Folgen eines Abschwungs, verhindert Verluste aber nicht.
Rezession, Depression, Stagflation: die Unterschiede
| Begriff | Bedeutung | Typisches Merkmal |
|---|---|---|
| Stagnation | Die Wirtschaft wächst kaum oder gar nicht | BIP-Veränderung um null herum |
| Rezession | Die Wirtschaftsleistung geht spürbar zurück | mindestens zwei Minusquartale (Faustregel) |
| Depression | Tiefe und lang anhaltende Krise | starker Einbruch, hohe Arbeitslosigkeit über Jahre |
| Stagflation | Schwaches Wachstum bei hoher Inflation | Preise steigen trotz schwacher Nachfrage |
| Deflation | Allgemein sinkendes Preisniveau | kann Folge oder Verstärker einer Rezession sein |
Eine allgemein anerkannte Grenze zwischen Rezession und Depression gibt es nicht. Als Depression gilt meist ein Einbruch, der deutlich tiefer und länger ausfällt als übliche Abschwünge, wie die Weltwirtschaftskrise ab 1929. Deflation ist besonders gefürchtet, weil Menschen Käufe aufschieben, wenn sie mit weiter sinkenden Preisen rechnen. Das verstärkt den Abschwung.
Rezessionen gehören zum normalen Auf und Ab einer Marktwirtschaft. Sie sind schmerzhaft, aber in aller Regel zeitlich begrenzt. Für die eigene Planung ist weniger entscheidend, ob die Faustregel gerade erfüllt ist, als ob Einkommen, Rücklagen und Geldanlage es verkraften würden, wenn die Wirtschaft ein Jahr lang schrumpft.
Häufige Fragen
Nach der verbreiteten Faustregel dann, wenn das reale BIP zwei Quartale hintereinander gegenüber dem Vorquartal sinkt. Eine offizielle Feststellung gibt es in Deutschland nicht. Viele Ökonomen beziehen zusätzlich Produktion, Beschäftigung und Einkommen in ihre Einschätzung ein.
Eine feste Dauer gibt es nicht. Viele Rezessionen in Industrieländern dauerten einige Quartale bis etwa ein Jahr, solche nach Finanzkrisen oft länger. Bis die Arbeitslosigkeit wieder sinkt, vergeht meist noch zusätzliche Zeit.
Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Kurse fallen häufig schon vor der offiziellen Bestätigung und erholen sich oft vor dem Ende des Abschwungs, sodass Verkäufe in der Krise Verluste festschreiben können. Entscheidend ist, ob das Geld in absehbarer Zeit gebraucht wird und ob die Aufteilung des Vermögens zur eigenen Risikobereitschaft passt.
Meist ja, aber oft verzögert und schwächer als der Rückgang der Produktion. In Deutschland federn Kurzarbeit und Arbeitszeitkonten einen Teil ab. In milden Rezessionen bleibt der Anstieg deshalb manchmal gering.
Quellen und weiterführende Informationen
Gesetzestexte und Angaben der genannten Stellen in der jeweils aktuellen Fassung. Beispielrechnungen dienen der Veranschaulichung.