Was ist Diversifikation?

Diversifikation bedeutet, ein Vermögen auf viele verschiedene Anlagen zu verteilen, statt alles auf eine Karte zu setzen. Das deutsche Wort dafür ist Risikostreuung. Die Idee dahinter: Wenn eine einzelne Anlage schlecht läuft, fällt das im Gesamtvermögen weniger ins Gewicht, weil sich andere Teile anders entwickeln.

Das Prinzip gilt weit über die Börse hinaus. Wer nur einen einzigen Kunden hat oder sein ganzes Erspartes in die eigene Immobilie steckt, trägt ein sogenanntes Klumpenrisiko. Bei der Geldanlage lässt sich dieses Risiko vergleichsweise einfach und günstig verringern, etwa mit breit gestreuten Investmentfonds oder ETFs.

Klumpenrisiko in Zahlen

Angenommen, jemand legt 10.000 Euro komplett in die Aktie eines einzelnen Unternehmens an.

Das Unternehmen gerät in Schwierigkeiten, der Kurs fällt um 60 Prozent. Vom Depot bleiben 4.000 Euro.

Variante: Die 10.000 Euro werden zu je 500 Euro auf 20 Aktien aus verschiedenen Branchen verteilt. Dieselbe Aktie fällt um 60 Prozent, die übrigen 19 bleiben unverändert.

Verlust: 60 Prozent von 500 Euro, also 300 Euro. Das Depot steht bei 9.700 Euro.

Ergebnis: Derselbe Einzelfall kostet einmal 60 Prozent und einmal 3 Prozent des Vermögens.

Das Beispiel ist bewusst vereinfacht, denn in der Realität bewegen sich die übrigen Aktien natürlich ebenfalls. Es zeigt aber den Kern: Streuung schützt vor allem vor dem Pech mit einzelnen Titeln.

Welches Risiko sich wegstreuen lässt und welches nicht

Die Finanzwissenschaft unterscheidet zwei Arten von Risiko. Das unsystematische Risiko betrifft ein einzelnes Unternehmen oder eine einzelne Branche: ein gescheitertes Produkt, ein Bilanzskandal, eine verlorene Klage. Dieses Risiko sinkt mit jeder zusätzlichen, möglichst unabhängigen Position im Depot deutlich.

Das systematische Risiko oder Marktrisiko trifft dagegen alle gleichzeitig. Eine weltweite Rezession, eine Finanzkrise oder ein plötzlicher Zinsanstieg drücken die Kurse fast aller Aktien. Dagegen hilft auch das breiteste Aktiendepot nicht. Abfedern lässt es sich nur, indem man Anlageklassen mischt, die in solchen Phasen unterschiedlich reagieren, oder indem man den Aktienanteil insgesamt begrenzt.

Gut zu wissen: Für das systematische Risiko erwarten Anleger langfristig eine Belohnung in Form einer höheren Rendite. Für das unsystematische Risiko gibt es keine solche Prämie, weil man es durch Streuung fast kostenlos loswerden kann. Wer ein Klumpenrisiko eingeht, wird dafür vom Markt also nicht verlässlich entlohnt.

Korrelation: warum nicht jede Mischung hilft

Ob Streuung wirkt, hängt davon ab, wie sich die einzelnen Anlagen zueinander verhalten. Das Maß dafür ist die Korrelation. Wer Diversifikation richtig verstehen will, kommt an diesem Begriff nicht vorbei. Die Korrelation liegt zwischen plus 1 und minus 1 und beschreibt, wie stark sich zwei Wertentwicklungen im Gleichschritt bewegen.

Was Korrelationswerte bedeuten
KorrelationBedeutungWirkung auf das Risiko
+1Beide Anlagen bewegen sich immer in dieselbe Richtung und im gleichen AusmaßKeine Risikominderung
etwa +0,5Meist gleiche Richtung, aber nicht im GleichschrittSpürbare, aber begrenzte Minderung
0Kein erkennbarer ZusammenhangDeutliche Minderung
-1Die Anlagen bewegen sich immer entgegengesetztSchwankungen können sich vollständig ausgleichen

Zwei Aktien aus derselben Branche und demselben Land haben oft eine hohe positive Korrelation. Wer zehn Autowerte kauft, besitzt zwar zehn Positionen, aber kaum Streuung. Aktien und Staatsanleihen solider Schuldner waren über lange Zeiträume dagegen nur schwach oder sogar negativ korreliert.

Rechenbeispiel zur Schwankung

Zwei Anlagen, je zur Hälfte

Angenommen, zwei Anlagen schwanken jeweils mit 20 Prozent pro Jahr (Standardabweichung) und erwarten beide 6 Prozent Rendite.

Ein Depot hält beide je zur Hälfte. Die erwartete Rendite des Depots bleibt in jedem Fall bei 6 Prozent.

Korrelation +1: Das Depot schwankt weiter mit 20 Prozent, die Mischung bringt nichts.

Korrelation +0,5: Die Schwankung sinkt auf rund 17,3 Prozent.

Korrelation 0: Die Schwankung sinkt auf rund 14,1 Prozent.

Korrelation -1: Rechnerisch verschwindet die Schwankung ganz.

Ergebnis: Bei gleicher erwarteter Rendite senkt die Mischung das Risiko umso stärker, je geringer die Korrelation ist.

Deshalb wird Diversifikation oft als einzige kostenlose Mahlzeit an den Finanzmärkten bezeichnet: Das Risiko sinkt, ohne dass die erwartete Rendite sinken muss.

Wichtig zu wissen: Korrelationen sind nicht stabil. In schweren Krisen steigen sie häufig stark an, weil viele Anleger gleichzeitig verkaufen. Im Jahr 2022 fielen Aktien und Anleihen zeitweise gemeinsam deutlich, weil die Zinsen schnell stiegen. Historische Werte gelten im nächsten Abschwung also nicht unbedingt genauso.

Die Ebenen der Streuung

Diversifikation lässt sich auf mehreren Ebenen umsetzen. Je mehr davon abgedeckt sind, desto robuster ist ein Depot gegenüber einzelnen Fehlentwicklungen.

Anlageklassen

Die gröbste und wirkungsvollste Ebene ist die Aufteilung zwischen Aktien, Anleihen, Tagesgeld und gegebenenfalls Sachwerten wie Immobilien oder Gold. Diese Mischung bestimmt den größten Teil der Schwankungen eines Vermögens.

Regionen und Währungen

Wer nur Aktien aus dem eigenen Land hält, setzt auf eine einzige Volkswirtschaft. Der deutsche Aktienmarkt macht nur einen kleinen Teil des Weltmarktes aus und ist von wenigen Branchen geprägt. Eine weltweite Streuung verteilt das Risiko auf viele Konjunkturen, bringt aber ein Wechselkursrisiko mit sich.

Branchen und Einzeltitel

Innerhalb der Aktien sollte das Geld nicht in einer Branche konzentriert sein. Technologie, Gesundheit, Konsum, Industrie und Finanzen reagieren unterschiedlich auf Zinsen, Rohstoffpreise und Konjunktur. Bei Einzelaktien braucht es eine größere Zahl von Titeln, damit das unsystematische Risiko spürbar sinkt.

Zeit

Auch der Einstiegszeitpunkt lässt sich streuen. Wer regelmäßig über einen Sparplan kauft, vermeidet, das gesamte Kapital in einem ungünstigen Moment anzulegen. Was das bringt und wo die Grenzen liegen, beschreibt der Beitrag zum Cost-Average-Effekt.

Typische Fehler bei der Risikostreuung

In der Praxis scheitert Diversifikation selten an der Theorie, sondern an Details, die man leicht übersieht.

  • Scheinbare Streuung: Mehrere Fonds, die denselben Index abbilden oder dieselben großen Unternehmen enthalten, erhöhen nur die Zahl der Positionen, nicht die Streuung.
  • Heimatmarkt-Neigung: Viele Anleger halten überproportional viele Aktien aus dem eigenen Land, weil die Namen vertraut sind. Vertrautheit ist aber kein Sicherheitsmerkmal.
  • Arbeitgeberaktie: Wer einen großen Teil seines Vermögens in Aktien des eigenen Arbeitgebers hält, verknüpft Einkommen und Ersparnisse mit demselben Risiko. Gerät das Unternehmen in Not, sind im schlimmsten Fall Job und Erspartes gleichzeitig betroffen.
  • Konzentration in Indizes übersehen: Auch breite Indizes können stark von wenigen sehr großen Unternehmen oder einem einzelnen Land dominiert sein. Ein Blick auf die größten Positionen und die Länderaufteilung lohnt sich.
  • Überdiversifikation: Dutzende Fonds und Einzeltitel machen ein Depot unübersichtlich und teuer, ohne das Risiko weiter nennenswert zu senken. Im Englischen spricht man spöttisch von Diworsification.
  • Gesamtvermögen ignorieren: Wer eine abbezahlte Immobilie besitzt, hat bereits einen großen Klumpen in einer Anlageklasse und an einem Ort. Das gehört in die Überlegung mit hinein.

Ein weiterer Denkfehler betrifft die Wahrnehmung: Ein gut gestreutes Depot enthält immer auch Teile, die gerade schlecht laufen. Wer diese regelmäßig verkauft, um in die aktuellen Gewinner umzuschichten, hebelt die Streuung nach und nach aus und kauft oft genau dann teuer ein, wenn eine Entwicklung schon weit fortgeschritten ist.

Wie viel Streuung ist genug?

Eine feste Zahl gibt es nicht. Bei Einzelaktien sinkt das unsystematische Risiko mit den ersten zehn bis zwanzig Titeln aus verschiedenen Branchen besonders stark, danach wird der zusätzliche Effekt kleiner. Wirklich breit gestreut ist man aber erst mit deutlich mehr Unternehmen aus vielen Ländern. Für Privatanleger ist das mit Einzeltiteln aufwendig und wegen der Ordergebühren teuer.

Ein einzelner weltweit anlegender Indexfonds enthält oft weit über tausend Unternehmen und erledigt die Streuung innerhalb der Aktien weitgehend. Die wichtigere Entscheidung ist dann die Aufteilung zwischen risikoreichen und risikoarmen Anlagen. Sie hängt vom Anlagehorizont, vom Einkommen und davon ab, wie gut man zwischenzeitliche Verluste aushält.

Beispielhafte Grundaufteilungen (vereinfacht, keine Empfehlung)
AusrichtungAktienanteilRisikoarmer AnteilPasst eher bei
Defensiv20 bis 30 Prozent70 bis 80 Prozentkurzem Anlagehorizont, geringer Verlusttoleranz
Ausgewogen40 bis 60 Prozent40 bis 60 Prozentmittlerem Anlagehorizont
Offensiv70 bis 100 Prozent0 bis 30 Prozentlangem Anlagehorizont, hoher Verlusttoleranz

Worauf es in der Praxis ankommt

Eine einmal festgelegte Aufteilung verschiebt sich mit der Zeit, weil die einzelnen Teile unterschiedlich wachsen. Nach einigen guten Börsenjahren ist der Aktienanteil oft deutlich höher als geplant, das Depot also riskanter. Beim Rebalancing wird die ursprüngliche Gewichtung wiederhergestellt, etwa einmal im Jahr oder wenn eine vorher festgelegte Grenze überschritten ist.

Dabei entstehen Kosten und gegebenenfalls Steuern auf realisierte Gewinne. Oft reicht es, neue Sparraten gezielt in den untergewichteten Teil zu lenken, statt zu verkaufen. Wer unsicher ist, wie die eigene Mischung aussehen sollte, kann sich unabhängig beraten lassen, zum Beispiel über eine Honorarberatung oder die Verbraucherzentrale.

  1. Gesamtvermögen auflisten, einschließlich Immobilie, Notgroschen und Altersvorsorge.
  2. Aufteilung zwischen risikoreichen und risikoarmen Anlagen festlegen.
  3. Innerhalb der Aktien breit über Länder und Branchen streuen.
  4. Überschneidungen zwischen mehreren Fonds prüfen.
  5. Gewichtung regelmäßig kontrollieren und bei größeren Abweichungen anpassen.

Häufige Fragen

Diversifikation heißt, Geld auf viele unterschiedliche Anlagen zu verteilen. Fällt eine davon stark, trifft das nur einen kleinen Teil des Vermögens. Das bekannte Bild dazu lautet: nicht alle Eier in einen Korb legen.

Ein weltweit streuender Aktien-ETF deckt viele Länder, Branchen und Unternehmen ab und beseitigt das Einzeltitelrisiko weitgehend. Vor einem allgemeinen Börsencrash schützt er aber nicht. Dafür braucht es zusätzlich einen risikoarmen Anteil, etwa Anleihen oder Tagesgeld.

Eine feste Grenze gibt es nicht. Mit zehn bis zwanzig Aktien aus verschiedenen Branchen sinkt das Einzelrisiko schon deutlich, für eine breite internationale Streuung sind aber wesentlich mehr Titel nötig. Für die meisten Privatanleger ist ein breiter Fonds einfacher und günstiger.

Ja. Ab einem gewissen Punkt senken weitere Positionen das Risiko kaum noch, erhöhen aber Kosten und Aufwand. Viele sich überschneidende Fonds führen außerdem dazu, dass man den Überblick über die tatsächliche Aufteilung verliert.

Quellen und weiterführende Informationen

Gesetzestexte und Angaben der genannten Stellen in der jeweils aktuellen Fassung. Beispielrechnungen dienen der Veranschaulichung.