Derivate haben einen zwiespältigen Ruf. Für die einen sind sie ein nützliches Werkzeug zur Absicherung, für die anderen hochriskante Wetten, mit denen man viel Geld verlieren kann. Beides stimmt, je nachdem, wie man sie einsetzt. Weil der Begriff oft fällt, ohne erklärt zu werden, nehmen wir ihn hier auseinander und zeigen verständlich, was dahintersteckt.
Was Derivate sind
Das Wort Derivat kommt vom lateinischen Begriff für ableiten, und das beschreibt die Sache schon ziemlich genau. Ein Derivat ist ein Finanzprodukt, dessen Wert sich von einem anderen Gut ableitet. Man handelt also nicht das Gut selbst, sondern einen Vertrag, der sich auf dessen Kursentwicklung bezieht. Dieses zugrunde liegende Gut nennt man Basiswert.
Ein einfaches Bild hilft beim Verständnis. Stellen Sie sich vor, Sie schließen eine Wette darüber ab, ob der Preis einer bestimmten Aktie steigt oder fällt. Sie besitzen die Aktie gar nicht, aber Sie verdienen oder verlieren Geld, je nachdem wie sich ihr Kurs entwickelt. Ein Derivat funktioniert im Prinzip so: Sein Wert hängt von der Entwicklung des Basiswerts ab, ohne dass man den Basiswert selbst besitzen muss.
Diese Konstruktion macht Derivate flexibel und vielseitig, aber auch komplex. Sie gehören zu den anspruchsvolleren Instrumenten am Kapitalmarkt und sind etwas ganz anderes als eine schlichte Investition in eine Aktie oder einen Fonds. Wer ein Derivat kauft, sollte genau verstehen, worauf er sich einlässt.
Der Basiswert als Grundlage
Der Basiswert ist das Herzstück jedes Derivats, denn von ihm leitet sich alles ab. Als Basiswert kommt fast alles infrage, dessen Preis sich beobachten lässt. Häufig sind es einzelne Aktien oder ganze Aktienindizes, also Körbe vieler Aktien. Ebenso verbreitet sind Rohstoffe wie Öl, Gold oder Weizen, Währungen wie Euro und Dollar oder auch Zinssätze.
Die Entwicklung dieses Basiswerts bestimmt, was das Derivat wert ist. Steigt der Basiswert, gewinnt das eine Derivat an Wert, während ein anderes, das auf fallende Kurse setzt, an Wert verliert. Diese Kopplung an den Basiswert ist der gemeinsame Nenner aller Derivate, so unterschiedlich sie im Detail auch sein mögen.
Gerade weil als Basiswert so vieles dienen kann, sind Derivate so vielfältig. Es gibt sie auf praktisch jede handelbare Größe, was sie für ganz unterschiedliche Zwecke einsetzbar macht, von der Absicherung einer Ernte bis zur Wette auf den Goldpreis. Diese Vielfalt ist Stärke und Risiko zugleich, denn nicht jedes Produkt ist leicht zu durchschauen.
Wichtige Arten von Derivaten
Es gibt eine ganze Reihe von Derivatetypen, von denen einige Namen immer wieder auftauchen. Optionen geben dem Käufer das Recht, einen Basiswert zu einem festgelegten Preis zu kaufen oder zu verkaufen, ohne dass er dazu verpflichtet ist. Man bezahlt für dieses Recht eine Prämie und kann es nutzen oder verfallen lassen.
Futures dagegen sind verbindliche Verträge, einen Basiswert zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem festgelegten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Hier besteht eine echte Verpflichtung, anders als bei der Option. Zertifikate sind eine bei Privatanlegern verbreitete Form, mit der man auf vielfältige Weise an der Entwicklung eines Basiswerts teilhaben kann, oft mit verschiedenen eingebauten Bedingungen.
Daneben gibt es weitere Formen wie Swaps, bei denen zwei Parteien Zahlungsströme tauschen, oder diverse Hebelprodukte. Allen gemeinsam ist die Ableitung vom Basiswert, doch die genauen Bedingungen, Chancen und Risiken unterscheiden sich erheblich. Wer ein konkretes Produkt erwägt, muss dessen spezifische Funktionsweise genau studieren, denn die Details entscheiden über Gewinn und Verlust.
Die Hebelwirkung
Ein zentrales Merkmal vieler Derivate ist der sogenannte Hebel. Er bewirkt, dass man mit relativ wenig Kapitaleinsatz an großen Kursbewegungen teilhat. Eine kleine Bewegung des Basiswerts führt dann zu einer viel größeren prozentualen Veränderung beim Derivat. Der Hebel vervielfacht also sowohl die Gewinne als auch die Verluste.
Das macht Hebelprodukte so verlockend und zugleich so gefährlich. Geht die Wette auf, kann man in kurzer Zeit überproportional verdienen. Geht sie schief, verliert man entsprechend schnell und viel, im Extremfall den gesamten Einsatz. Bei manchen Produkten kann sogar ein Totalverlust eintreten, wenn der Basiswert eine bestimmte Schwelle erreicht.
Der Hebel ist damit ein zweischneidiges Schwert. Er ist der Grund, warum mit Derivaten so hohe Renditen möglich sind, aber auch, warum so viele Menschen damit Geld verlieren. Wer den Hebel nicht versteht, unterschätzt das Risiko gewaltig. Hier zeigt sich besonders deutlich der Grundsatz, dass hohe Chancen immer mit hohen Risiken einhergehen, wie wir es im Beitrag über Investition erklären.
Wichtig zu wissen: Der Hebel vervielfacht Gewinne und Verluste gleichermaßen. Bei manchen Hebelprodukten ist sogar ein Totalverlust des eingesetzten Geldes möglich. Wer den Hebel nicht versteht, sollte die Finger davon lassen.
Absicherung und Spekulation
Derivate werden für zwei grundverschiedene Zwecke eingesetzt, und das erklärt ihren zwiespältigen Ruf. Der erste Zweck ist die Absicherung. Ein Unternehmen, das Rohstoffe braucht, kann sich mit Derivaten gegen steigende Preise absichern. Ein Anleger kann sein Depot gegen fallende Kurse schützen. In diesem Fall dienen Derivate dazu, Risiken zu verringern, ähnlich wie eine Versicherung.
Der zweite Zweck ist die Spekulation. Hier setzt man Derivate ein, um gezielt auf Kursbewegungen zu wetten und daran zu verdienen. Man kann auf steigende, aber auch auf fallende Kurse setzen, und durch den Hebel lassen sich die Einsätze vervielfachen. In diesem Fall erhöhen Derivate das Risiko bewusst, im Tausch gegen die Chance auf hohe Gewinne.
Dasselbe Instrument kann also je nach Absicht das Risiko senken oder steigern. Das ist der Grund, warum man Derivate nicht pauschal als gut oder schlecht bezeichnen kann. Es kommt darauf an, wer sie wie einsetzt. Für die professionelle Absicherung sind sie unverzichtbar, in der Hand unerfahrener Spekulanten dagegen oft ein schneller Weg zum Verlust.
Was Privatanleger wissen sollten
Für die meisten Privatanleger gilt eine einfache Empfehlung: Vorsicht. Derivate sind komplex, oft mit Hebel versehen und damit hochriskant. Wer gerade erst anfängt, Vermögen aufzubauen, ist mit einfachen, breit gestreuten Anlagen deutlich besser bedient als mit Derivaten. Die Gefahr, durch Unwissen viel Geld zu verlieren, ist erheblich.
Wenn man sich dennoch mit Derivaten beschäftigen möchte, sollte man drei Dinge beherzigen. Erstens: nur Produkte kaufen, die man vollständig versteht, inklusive aller Bedingungen und Risiken. Zweitens: niemals mehr Geld einsetzen, als man im schlimmsten Fall verschmerzen kann. Drittens: sich bewusst sein, dass gerade bei Hebelprodukten ein Totalverlust möglich ist. Wer auf Risikobegrenzung Wert legt, sollte sich auch mit Werkzeugen wie Stop-Loss-Orders auseinandersetzen.
Unterm Strich sind Derivate ein faszinierendes, aber anspruchsvolles Feld. Sie zeigen, wie vielfältig der Kapitalmarkt ist und wie man Risiken gezielt steuern oder eingehen kann. Für den langfristigen, soliden Vermögensaufbau der meisten Menschen spielen sie aber keine notwendige Rolle. Wer sie nicht versteht, verliert nichts, wenn er sie meidet, und schützt sich vor Verlusten, die er sonst vielleicht teuer bezahlen müsste.
Häufige Fragen
Derivate sind Finanzprodukte, deren Wert sich von einem zugrunde liegenden Basiswert ableitet, etwa einer Aktie, einem Index, einem Rohstoff oder einer Währung. Man handelt nicht den Basiswert selbst, sondern einen Vertrag, der sich auf dessen Kursentwicklung bezieht.
Derivate dienen zwei Zwecken: der Absicherung gegen Kursrisiken und der Spekulation auf Kursbewegungen. Mit ihnen kann man sich gegen fallende Kurse schützen oder gezielt auf steigende oder fallende Märkte setzen. Dasselbe Produkt kann also Risiken senken oder erhöhen.
Viele Derivate sind hochriskant, vor allem solche mit Hebelwirkung. Sie können große Gewinne, aber auch hohe Verluste bis zum Totalverlust bringen. Für Anfänger sind sie meist nicht geeignet, breit gestreute Anlagen sind für den Vermögensaufbau besser.
Der Hebel bewirkt, dass man mit wenig Kapital an großen Kursbewegungen teilhat. Eine kleine Bewegung des Basiswerts führt zu einer viel größeren Veränderung beim Derivat. Das vervielfacht sowohl die Gewinne als auch die Verluste und macht Hebelprodukte besonders riskant.