Kaum ein Begriff taucht in den Finanznachrichten so oft auf wie der Zins. Die Zentralbank senkt oder erhöht ihn, Banken werben mit ihm, und auf jedem Kreditvertrag steht er irgendwo. Trotzdem haben viele Menschen nur ein vages Gefühl davon, was Zinsen eigentlich sind. Das ist schade, denn das Prinzip dahinter ist nicht kompliziert, und wer es einmal verstanden hat, trifft beim Sparen und beim Leihen deutlich bessere Entscheidungen.
Was Zinsen eigentlich sind
Im Kern ist ein Zins nichts anderes als der Preis für Geld, das man eine Zeit lang nutzen darf. Wenn Sie sich Geld leihen, gehört es Ihnen ja nicht. Sie dürfen es nur für eine vereinbarte Zeit verwenden und müssen es danach zurückgeben. Dafür, dass jemand Ihnen sein Geld überlässt und in dieser Zeit selbst nicht darüber verfügen kann, bekommt er eine Gegenleistung. Diese Gegenleistung ist der Zins.
Das gilt in beide Richtungen. Wenn Sie Geld auf ein Sparkonto legen, leihen Sie es im Grunde der Bank. Sie arbeitet damit, verleiht es weiter, und dafür zahlt sie Ihnen Zinsen. Wenn Sie umgekehrt einen Kredit aufnehmen, leihen Sie sich Geld von der Bank, und nun zahlen Sie die Zinsen. Es ist immer dasselbe Grundprinzip: Wer Geld zur Verfügung stellt, bekommt etwas dafür. Wer Geld nutzt, das ihm nicht gehört, zahlt dafür.
Warum überhaupt verlangt jemand einen Preis dafür, Geld zu verleihen? Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen verzichtet der Geldgeber für eine Weile darauf, sein Geld selbst auszugeben oder anderweitig anzulegen. Dieser Verzicht will entschädigt werden. Zum anderen besteht immer ein Risiko, dass das Geld nicht oder nicht vollständig zurückkommt. Je größer dieses Risiko, desto höher fällt der Zins meist aus. Und schließlich verliert Geld über die Zeit an Kaufkraft, dazu kommen wir später noch genauer.
Der Zinssatz und wie er berechnet wird
Damit man Zinsen vergleichen kann, gibt man sie als Prozentsatz pro Jahr an. Dieser Prozentsatz heißt Zinssatz. Ein Beispiel: Legen Sie 1.000 Euro zu einem Zinssatz von 3 Prozent pro Jahr an, bekommen Sie nach einem Jahr 30 Euro Zinsen. Die Rechnung dahinter ist einfach. Sie nehmen den Betrag, multiplizieren ihn mit dem Zinssatz und teilen durch hundert.
Die Angabe pro Jahr ist wichtig, weil sie Vergleiche erst möglich macht. Ein Angebot mit 3 Prozent pro Jahr ist besser als eines mit 2,5 Prozent pro Jahr, ganz gleich, ob es um Sparen oder Kredite geht. Achten Sie deshalb immer darauf, dass Sie Zinssätze auf denselben Zeitraum beziehen. Bei Krediten gibt es zusätzlich den sogenannten effektiven Jahreszins, der nicht nur den reinen Zins enthält, sondern auch weitere Kosten wie Bearbeitungsgebühren. Dieser Effektivzins ist die ehrlichere Zahl, wenn Sie Kreditangebote vergleichen, weil er zeigt, was der Kredit Sie tatsächlich kostet.
Ein häufiger Denkfehler ist, nur auf den Zinssatz zu schauen und die Laufzeit zu vergessen. Ein niedriger Zinssatz über viele Jahre kann am Ende teurer sein als ein etwas höherer Zinssatz über wenige Jahre, weil die Zinsen über die gesamte Laufzeit anfallen. Bei großen Beträgen wie einer Baufinanzierung macht das einen erheblichen Unterschied.
Sollzins und Habenzins
Im Bankgeschäft begegnen Ihnen zwei Begriffe, die leicht zu verwechseln sind. Der Habenzins ist der Zins, den Sie bekommen, wenn Sie Geld bei der Bank anlegen, etwa auf einem Tagesgeld- oder Festgeldkonto. Der Sollzins ist der Zins, den Sie zahlen, wenn Sie sich von der Bank Geld leihen, etwa über einen Kredit oder wenn Ihr Girokonto ins Minus rutscht.
Eine Sache fällt dabei schnell auf: Der Sollzins ist fast immer deutlich höher als der Habenzins. Das liegt daran, dass die Bank mit der Differenz zwischen beiden Geld verdient. Sie nimmt Ihr Spargeld zu einem niedrigen Habenzins entgegen und verleiht es zu einem höheren Sollzins weiter. Diese Spanne ist ein wichtiger Teil des Geschäftsmodells einer Bank.
Besonders teuer wird es beim Dispositionskredit, also wenn Sie Ihr Girokonto überziehen. Die Dispozinsen gehören zu den höchsten Zinssätzen überhaupt, oft im zweistelligen Prozentbereich. Wer sein Konto dauerhaft im Minus führt, zahlt dafür viel Geld. In solchen Fällen lohnt es sich fast immer, den teuren Dispo durch einen günstigeren Ratenkredit abzulösen.
Kurz gemerkt: Habenzins bekommen Sie, Sollzins zahlen Sie. Und der Dispo auf dem Girokonto ist eine der teuersten Arten, sich Geld zu leihen.
Der Zinseszins und warum Zeit so wichtig ist
Jetzt kommt der vielleicht wichtigste Teil, weil er den Unterschied zwischen ein bisschen Sparen und echtem Vermögensaufbau ausmacht. Beim Zinseszins bekommen Sie nicht nur Zinsen auf Ihr ursprünglich angelegtes Geld, sondern auch auf die Zinsen, die schon gutgeschrieben wurden. Die Zinsen verdienen also selbst wieder Zinsen.
Ein Beispiel macht das anschaulich. Sie legen 1.000 Euro zu 3 Prozent an. Nach einem Jahr haben Sie 1.030 Euro. Im zweiten Jahr bekommen Sie die 3 Prozent aber nicht mehr auf 1.000 Euro, sondern auf 1.030 Euro, also 30,90 Euro. Nach dem zweiten Jahr haben Sie 1.060,90 Euro. Der Unterschied wirkt im ersten Moment winzig, aber er wächst mit jedem Jahr, und über lange Zeiträume wird daraus eine gewaltige Kraft.
Über 30 Jahre würden aus 1.000 Euro bei 3 Prozent ohne Zinseszins 1.900 Euro. Mit Zinseszins werden daraus rund 2.430 Euro. Der einzige Unterschied ist, dass die Zinsen jedes Jahr mitverzinst wurden. Genau deshalb sagt man, dass beim Sparen die Zeit der wichtigste Faktor ist. Wer früh anfängt, lässt den Zinseszins für sich arbeiten, und das schlägt fast jeden Versuch, später mit höheren Beträgen aufzuholen.
Der Zinseszins hat allerdings auch eine dunkle Seite. Bei Schulden wirkt er genauso, nur gegen Sie. Wer Schulden nicht abbaut, häuft Zinsen auf Zinsen an, und die Schuld wächst immer schneller. Das ist der Grund, warum sich kleine Kredite, die man immer wieder verlängert, über die Jahre zu einem ernsten Problem auswachsen können.
Der Leitzins der Zentralbank
Wenn in den Nachrichten von Zinsen die Rede ist, geht es meistens um den Leitzins. Das ist der Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Zentralbank Geld leihen können. Für den Euroraum legt ihn die Europäische Zentralbank fest, kurz EZB. Der Leitzins ist eine Art Stellschraube für die gesamte Wirtschaft, denn er beeinflusst, wie teuer Geld überall sonst ist.
Das funktioniert wie eine Kette. Hebt die EZB den Leitzins an, wird es für Banken teurer, sich Geld zu beschaffen. Diese höheren Kosten geben sie an ihre Kunden weiter, indem sie die Zinsen für Kredite erhöhen. Gleichzeitig steigen meist auch die Zinsen, die Sie fürs Sparen bekommen. Senkt die EZB den Leitzins, läuft alles in die andere Richtung: Kredite werden günstiger, aber auch die Sparzinsen fallen.
Warum bewegt die Zentralbank den Leitzins überhaupt? Ihr wichtigstes Ziel ist stabile Preise. Steigt die Inflation zu stark, erhöht sie in der Regel den Leitzins, um die Wirtschaft abzukühlen. Teurere Kredite führen dazu, dass weniger investiert und konsumiert wird, und das bremst den Preisanstieg. Droht umgekehrt eine Flaute, senkt die Zentralbank den Leitzins, um Kredite billiger zu machen und die Wirtschaft anzukurbeln. Mehr dazu, wie Preise sich bewegen, lesen Sie in unserem Beitrag über Inflation.
Zinsen, Inflation und der reale Wert Ihres Geldes
Ein Punkt wird beim Sparen oft übersehen, ist aber entscheidend. Der Zinssatz allein sagt nämlich noch nicht, ob sich Ihr Geld wirklich vermehrt. Dafür müssen Sie die Inflation gegenrechnen, also den allgemeinen Anstieg der Preise. Wenn Ihr Sparguthaben 2 Prozent Zinsen bringt, die Preise aber um 4 Prozent steigen, dann können Sie sich am Jahresende trotz der Zinsen weniger leisten als zuvor.
Fachleute unterscheiden deshalb zwischen dem Nominalzins und dem Realzins. Der Nominalzins ist die Zahl, die auf dem Papier steht. Der Realzins ist das, was nach Abzug der Inflation übrig bleibt. Nur der Realzins zeigt, ob Ihr Geld an Kaufkraft gewinnt oder verliert. In Zeiten hoher Inflation kann der Realzins sogar negativ sein, obwohl Sie nominal Zinsen bekommen. Ihr Konto wächst dann zwar in Euro, aber das Geld ist weniger wert.
Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern hat ganz praktische Folgen. Wer große Summen jahrelang auf einem gering verzinsten Konto liegen lässt, während die Inflation hoch ist, verliert real betrachtet Geld, auch wenn der Kontostand steigt. Das ist einer der Gründe, warum viele Menschen einen Teil ihres Vermögens anders anlegen. Wie das funktioniert und welche Begriffe Sie dafür kennen sollten, erklären wir im Beitrag über Investition.
Wichtig zu wissen: Ein hoher Zinssatz nützt Ihnen wenig, wenn die Inflation noch höher ist. Schauen Sie nicht nur auf die Zinszahl, sondern darauf, was nach Abzug der Preissteigerung übrig bleibt.
Was das für Ihren Alltag bedeutet
Aus all dem lassen sich ein paar einfache Faustregeln ableiten, die im Alltag wirklich helfen. Beim Sparen gilt: Je früher Sie anfangen, desto mehr arbeitet der Zinseszins für Sie. Schon kleine Beträge, über lange Zeit angelegt, summieren sich. Vergleichen Sie dabei die Zinssätze verschiedener Anbieter, denn die Unterschiede sind oft größer, als man denkt, und über die Jahre macht das viel aus.
Beim Leihen gilt das Gegenteil: Vergleichen Sie immer den effektiven Jahreszins, nicht nur den beworbenen Zinssatz, und vermeiden Sie teure Kreditformen wie den Dispo, wo es geht. Schulden, die sich auftürmen, werden durch den Zinseszins immer schwerer abzutragen, deshalb ist es klug, teure Kredite zuerst zurückzuzahlen.
Und behalten Sie die großen Zinsentscheidungen der EZB im Blick. Wenn der Leitzins steigt, werden neue Kredite teurer, was vor allem bei Baufinanzierungen ins Gewicht fällt. Gleichzeitig lohnt sich Sparen dann wieder etwas mehr. Wenn der Leitzins fällt, ist es oft ein guter Moment für eine Finanzierung, während die Sparzinsen mager ausfallen. Sie müssen kein Experte werden, um diese Zusammenhänge zu nutzen, es reicht, das Grundprinzip zu kennen.
Zinsen sind also weit mehr als eine trockene Zahl auf einem Kontoauszug. Sie sind der Mechanismus, über den Geld in der Wirtschaft den Besitzer wechselt, und sie betreffen jeden, der spart, leiht oder einfach nur erlebt, wie die Preise sich verändern. Wenn Sie verstanden haben, dass Zinsen der Preis für Zeit und Risiko sind, dass der Zinseszins über lange Zeiträume erstaunliche Kräfte entfaltet und dass erst der Blick auf die Inflation zeigt, ob sich Sparen wirklich lohnt, dann haben Sie das Wichtigste begriffen.
Häufige Fragen
Den Sollzins zahlen Sie, wenn Sie sich Geld leihen, etwa bei einem Kredit oder wenn Ihr Konto im Minus ist. Den Habenzins bekommen Sie gutgeschrieben, wenn Sie Geld anlegen, zum Beispiel auf einem Tagesgeldkonto. Der Habenzins ist fast immer niedriger als der Sollzins, weil die Bank mit der Differenz Geld verdient.
Zinseszins bedeutet, dass Sie Zinsen nicht nur auf Ihr ursprünglich angelegtes Geld bekommen, sondern auch auf die Zinsen, die bereits gutgeschrieben wurden. Über viele Jahre wächst ein Guthaben dadurch immer schneller, weil die Zinsen selbst wieder Zinsen verdienen. Bei Schulden wirkt derselbe Effekt leider gegen Sie.
Die Zentralbank erhöht den Leitzins meist, um eine zu hohe Inflation zu bremsen. Höhere Zinsen verteuern Kredite, dadurch wird weniger investiert und konsumiert, und der Preisanstieg lässt nach. Senkt sie den Leitzins, will sie umgekehrt die Wirtschaft ankurbeln, indem Geld billiger wird.
Der Realzins ist der Zins, der nach Abzug der Inflation übrig bleibt. Wenn Ihr Konto 2 Prozent Zinsen bringt, die Preise aber um 3 Prozent steigen, ist der Realzins negativ. Ihr Geld wächst dann zwar auf dem Papier, verliert aber an Kaufkraft. Nur der Realzins zeigt, ob sich Sparen wirklich lohnt.