Was ist das Bruttoinlandsprodukt?

Das BIP misst die wirtschaftliche Leistung innerhalb der Landesgrenzen. Gezählt wird alles, was in Deutschland produziert wird und einen Marktpreis hat oder sich zumindest bewerten lässt: Autos, Haarschnitte, Software, Wohnungsmieten, Unterricht an staatlichen Schulen. Entscheidend ist der Ort der Produktion, nicht die Staatsangehörigkeit der Beteiligten. Ein französisches Unternehmen mit Werk in Sachsen trägt also zum deutschen BIP bei.

Damit nichts doppelt gezählt wird, fließen nur Endprodukte ein, also Güter, die nicht weiterverarbeitet werden. Der Stahl in einem Auto ist im Preis des Autos bereits enthalten. Würde man Stahl und Auto getrennt addieren, wäre die Leistung künstlich aufgebläht. Rechnerisch gleichwertig ist es, über alle Produktionsstufen nur die jeweils neu hinzugefügte Wertschöpfung zu summieren.

In Deutschland übernimmt das Statistische Bundesamt (Destatis) die Berechnung, und zwar nach den Regeln des Europäischen Systems Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG). Weil alle EU-Staaten dieselbe Methodik nutzen, lassen sich die Zahlen zwischen den Ländern vergleichen. Das BIP ist zudem Bezugsgröße für viele andere Werte: die Staatsschuldenquote, das Haushaltsdefizit in Prozent oder die Frage, ob eine Rezession vorliegt.

Drei Rechenwege, ein Ergebnis

Wirtschaftliche Leistung lässt sich von drei Seiten betrachten: wo sie entsteht, wofür sie verwendet wird und an wen die daraus entstehenden Einkommen fließen. In der Theorie führen alle drei Wege zum gleichen Wert. In der Praxis gleichen die Statistiker Abweichungen aus, weil die Datenquellen unterschiedlich vollständig und unterschiedlich schnell verfügbar sind.

Entstehungsrechnung

Hier lautet die Frage, welche Wirtschaftsbereiche wie viel Wert schaffen. Für jeden Bereich, etwa Industrie, Bau, Handel oder öffentliche Dienstleister, wird der Produktionswert ermittelt und davon die Vorleistungen abgezogen. Das Ergebnis ist die Bruttowertschöpfung. Addiert man die Gütersteuern (zum Beispiel die Umsatzsteuer) und zieht die Gütersubventionen ab, erhält man das BIP. Diese Sicht macht den Strukturwandel sichtbar, etwa den schrumpfenden Anteil der Landwirtschaft und den wachsenden der Dienstleistungen.

Verwendungsrechnung

Dieser Weg schaut auf die Nachfrage. Das BIP setzt sich zusammen aus den privaten Konsumausgaben, den Konsumausgaben des Staates, den Bruttoinvestitionen (Ausrüstungen, Bauten, sonstige Anlagen und Vorratsveränderungen) und dem Außenbeitrag, also Exporten minus Importen. Für Konjunkturanalysen ist diese Rechnung besonders aufschlussreich, weil sie zeigt, ob Wachstum vom Konsum, von Investitionen oder vom Export getragen wird.

Verteilungsrechnung

Die dritte Sicht fragt, wer das erwirtschaftete Einkommen erhält. Ausgangspunkt sind die Arbeitnehmerentgelte sowie die Unternehmens- und Vermögenseinkommen. Zusammen ergeben sie das Volkseinkommen. Über Abschreibungen, Produktions- und Importabgaben abzüglich Subventionen und den Saldo der Einkommen mit dem Ausland gelangt man zurück zum BIP. In Deutschland lässt sich diese Rechnung nicht vollständig unabhängig aufstellen: Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen werden als Restgröße ermittelt, weil es dafür keine lückenlose eigene Statistik gibt.

Die drei Berechnungsarten im Vergleich
RechnungLeitfrageWichtige Bestandteile
EntstehungWo wird produziert?Bruttowertschöpfung der Wirtschaftsbereiche, Gütersteuern, Gütersubventionen
VerwendungWofür wird ausgegeben?Privater Konsum, Staatskonsum, Investitionen, Exporte minus Importe
VerteilungWer erhält die Einkommen?Arbeitnehmerentgelte, Unternehmens- und Vermögenseinkommen, Abschreibungen, Abgaben

Nominal oder real: der Preiseffekt

Das nominale BIP bewertet die Produktion mit den Preisen des jeweiligen Jahres. Steigen die Preise, steigt das nominale BIP, auch wenn keine einzige Ware mehr hergestellt wird. Für die Frage, ob eine Wirtschaft tatsächlich wächst, ist deshalb das reale BIP maßgeblich. Es rechnet die Preisveränderungen heraus.

Destatis spricht meist vom „preisbereinigten“ BIP. Bereinigt wird auf Vorjahrespreisbasis mit anschließender Verkettung: Die Mengen eines Jahres werden mit den Preisen des Vorjahres bewertet, die Ergebnisse werden zu einer durchgehenden Zeitreihe verknüpft. Das Verhältnis von nominalem zu realem BIP heißt BIP-Deflator. Er ist ein breiter Preismaßstab, der anders als der Verbraucherpreisindex auch Investitionsgüter und staatliche Leistungen umfasst. Wie Preissteigerungen entstehen, beschreibt der Beitrag zur Inflation.

Rechenbeispiel: nominales und reales Wachstum

Angenommen, das nominale BIP eines Landes steigt von 4.000 Milliarden Euro auf 4.200 Milliarden Euro.

Nominales Wachstum: 4.200 / 4.000 = 1,05, also 5 Prozent.

Angenommen, das Preisniveau (BIP-Deflator) ist im selben Zeitraum um 4 Prozent gestiegen.

Reales Wachstum: 1,05 / 1,04 = 1,0096, also knapp 1 Prozent.

Ergebnis: Von den 5 Prozent Zuwachs sind rund 4 Prozentpunkte reine Preissteigerung. Real wurde nur etwa 1 Prozent mehr produziert.

Gut zu wissen: Bei Quartalszahlen kommen Saison- und Kalendereffekte hinzu. Ein Quartal mit mehr Arbeitstagen oder dem Weihnachtsgeschäft wäre sonst nicht mit dem Vorquartal vergleichbar. Die Veränderung gegenüber dem Vorquartal wird daher in der Regel saison- und kalenderbereinigt angegeben, die Veränderung zum Vorjahresquartal oft nur kalenderbereinigt.

BIP pro Kopf und Bruttonationaleinkommen

Ein großes Land hat naturgemäß ein höheres BIP als ein kleines. Für Vergleiche des Lebensstandards teilt man das BIP deshalb durch die Einwohnerzahl. Das BIP pro Kopf ist aussagekräftiger, bleibt aber ein Durchschnitt und sagt nichts darüber, wie gleich oder ungleich Einkommen verteilt sind. Für internationale Vergleiche wird es oft in Kaufkraftparitäten umgerechnet, damit unterschiedliche Preisniveaus und Wechselkurse das Bild nicht verzerren.

Vom BIP zu unterscheiden ist das Bruttonationaleinkommen (BNE). Es folgt dem Inländerkonzept und zählt die Einkommen der Menschen und Unternehmen mit Sitz in Deutschland, egal wo sie erwirtschaftet wurden. Zinsen und Dividenden aus Auslandsanlagen gehören dazu, Gewinne ausländischer Konzerne aus deutschen Werken dagegen nicht. In Ländern mit vielen Grenzpendlern oder hohen Auslandsvermögen weichen BIP und BNE spürbar voneinander ab.

Wie und wann die Zahlen erscheinen

Destatis veröffentlicht vierteljährlich eine erste Schätzung, die sogenannte Schnellmeldung, etwa einen Monat nach Ende eines Quartals. Zu diesem Zeitpunkt fehlen noch viele Daten, etwa aus Steuerstatistiken oder umfangreichen Unternehmensbefragungen. Die Werte werden deshalb in den folgenden Monaten und Jahren mehrfach überarbeitet.

Diese Revisionen sind kein Fehler, sondern Teil der Methode. Sie können aber die Deutung ändern: Ein zunächst gemeldetes leichtes Minus kann sich später als Stagnation oder kleines Plus herausstellen und umgekehrt. Wer aus einer einzelnen Quartalszahl weitreichende Schlüsse zieht, sollte das bedenken. In größeren Abständen gibt es zudem Generalrevisionen, bei denen auch Methoden und Abgrenzungen angepasst werden und ganze Zeitreihen neu berechnet werden.

Wo die Kennzahl an Grenzen stößt

Das BIP wurde entwickelt, um Produktion zu messen, nicht Wohlergehen. Daraus ergeben sich Grenzen, die in der öffentlichen Debatte oft untergehen:

  • Unbezahlte Arbeit fehlt. Kinderbetreuung in der Familie, Pflege von Angehörigen, Ehrenamt und Hausarbeit tauchen nicht auf. Wird dieselbe Leistung bezahlt eingekauft, steigt das BIP, obwohl insgesamt nicht mehr geleistet wird.
  • Schattenwirtschaft wird nur geschätzt. Schwarzarbeit und nicht erfasste Umsätze fließen teilweise über Schätzverfahren ein, bleiben aber eine Unsicherheitsquelle. Mehr dazu im Beitrag über Schwarzgeld.
  • Umwelt und Ressourcen bleiben außen vor. Der Verbrauch von Rohstoffen oder Schäden an Klima und Natur werden nicht abgezogen. Aufräumarbeiten nach einem Unwetter erhöhen das BIP sogar.
  • Verteilung ist unsichtbar. Ein steigendes BIP kann mit sinkenden Einkommen breiter Gruppen einhergehen, wenn der Zuwachs bei wenigen ankommt.
  • Qualität ist schwer zu erfassen. Kostenlose digitale Angebote oder bessere Produkte zum gleichen Preis bildet die Statistik nur unvollständig ab.

Deshalb gibt es ergänzende Ansätze, etwa Wohlfahrtsindizes oder Nachhaltigkeitsindikatoren, die Bildung, Gesundheit, Umweltzustand und Verteilung einbeziehen. Keiner davon hat das BIP verdrängt, auch weil sie stärker von Wertentscheidungen abhängen: Wie viel zählt saubere Luft im Vergleich zu einem höheren Einkommen? Das BIP bleibt die verlässlichste Messgröße für Produktion, aber nicht für Lebensqualität.

Warum die Zahl auch Privathaushalte betrifft

Für den Einzelnen wirkt das BIP abstrakt, seine Entwicklung reicht aber in viele Lebensbereiche. Wächst die Wirtschaft real, steigen meist Beschäftigung und Steuereinnahmen. Die regelmäßige Steuerschätzung baut auf Wachstumsprognosen auf, und Renten wie Sozialabgaben hängen indirekt an Löhnen und Beschäftigung.

Schrumpft das BIP, reagiert oft zuerst die Börse, später der Arbeitsmarkt. Die Zentralbank verfolgt die Wachstumszahlen genau, weil eine schwache Wirtschaft den Preisdruck dämpft und Spielraum für niedrigere Zinsen schafft. Wer einschätzen will, in welcher Phase der Konjunktur sich die Wirtschaft gerade befindet, kommt am BIP nicht vorbei, sollte aber Frühindikatoren und Arbeitsmarktdaten mit betrachten.

Häufige Fragen

Das deutsche BIP liegt nominal bei mehr als vier Billionen Euro im Jahr und gehört zu den größten der Welt. Den jeweils aktuellen Wert und die Wachstumsraten veröffentlicht das Statistische Bundesamt. Weil die Zahlen laufend revidiert werden, lohnt sich immer der Blick auf die neueste Veröffentlichung.

Das BIP erfasst alles, was innerhalb der Landesgrenzen produziert wird. Das Bruttonationaleinkommen erfasst dagegen die Einkommen der Inländer, auch wenn sie im Ausland erzielt wurden. Für Deutschland liegen beide Werte relativ nah beieinander.

Das nominale BIP steigt schon dann, wenn nur die Preise steigen. Das reale BIP zeigt, ob tatsächlich mehr Waren und Dienstleistungen hergestellt wurden. Aussagen über Wachstum oder Rezession beziehen sich deshalb fast immer auf die preisbereinigte Größe.

Nicht zwingend. Das BIP misst die Produktion, nicht wie das Einkommen verteilt ist, wie gesund die Menschen sind oder wie es um die Umwelt steht. Ein hohes BIP pro Kopf geht zwar meist mit einem höheren Lebensstandard einher, ist aber kein vollständiges Wohlstandsmaß.

Quellen und weiterführende Informationen

Gesetzestexte und Angaben der genannten Stellen in der jeweils aktuellen Fassung. Beispielrechnungen dienen der Veranschaulichung.