Leere Autobahnen im Herbst 1973
Im November und Dezember 1973 galten in der Bundesrepublik an vier Sonntagen Fahrverbote. Die Autobahnen waren leer, Menschen gingen auf der Fahrbahn spazieren oder fuhren Fahrrad. Auslöser war die erste Ölkrise: Arabische Förderländer hatten nach dem Jom-Kippur-Krieg die Förderung gedrosselt und Lieferungen an einzelne westliche Staaten gestoppt. Der Ölpreis vervierfachte sich innerhalb weniger Monate.
Was folgte, passte nicht in das damals gängige Bild der Wirtschaftslehre. Die Preise stiegen kräftig, gleichzeitig brach das Wachstum ein und die Arbeitslosigkeit nahm zu. Bis dahin galt die Annahme, dass hohe Inflation und hohe Arbeitslosigkeit nur selten zusammen auftreten. Für die neue Mischung setzte sich ein Wort durch, das in den 1960er-Jahren in Großbritannien aufgekommen war: Stagflation.
Was Stagflation genau bedeutet
Der Begriff setzt sich aus Stagnation und Inflation zusammen. Stagnation heißt, dass die Wirtschaftsleistung, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, kaum noch wächst, stillsteht oder sinkt. Inflation bedeutet einen anhaltenden Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Bei der Stagflation treten beide gleichzeitig auf, meist begleitet von steigender Arbeitslosigkeit.
Eine feste Definition mit Grenzwerten gibt es nicht. Ab welcher Inflationsrate und bei welchem Wachstum man von Stagflation spricht, ist eine Frage der Einordnung. Gemeint ist in der Regel eine Lage, in der die Teuerung klar über dem Ziel der Notenbank liegt, während die Wirtschaft auf der Stelle tritt oder in eine Rezession rutscht.
| Lage | Wachstum | Preise | Typisches Bild |
|---|---|---|---|
| Hochkonjunktur | kräftig | steigen moderat bis stark | viele offene Stellen, volle Auftragsbücher |
| Rezession | sinkt | steigen schwach oder bleiben stabil | Nachfrage bricht ein, Arbeitslosigkeit steigt |
| Deflation | meist schwach | sinken | Kaufzurückhaltung, sinkende Gewinne |
| Stagflation | stagniert oder sinkt | steigen deutlich | teurer Alltag bei unsicheren Jobs |
Von der Deflation unterscheidet sich die Stagflation also grundlegend. Dort fallen die Preise in einer schwachen Wirtschaft, hier steigen sie trotz schwacher Wirtschaft.
Warum die Phillips-Kurve nicht mehr passte
In den 1960er-Jahren stützte sich die Wirtschaftspolitik vieler Länder auf die sogenannte Phillips-Kurve. Sie beschrieb einen beobachteten Zusammenhang: Sinkt die Arbeitslosigkeit, steigt die Inflation, und umgekehrt. Daraus leitete man ab, dass sich etwas mehr Inflation gegen weniger Arbeitslosigkeit eintauschen lasse. Die Stagflation der 1970er-Jahre zeigte, dass dieser Tausch nicht dauerhaft funktioniert. Beide Werte stiegen gleichzeitig.
Ein grobes Maß für die Belastung ist der sogenannte Elendsindex (englisch Misery Index), die Summe aus Inflationsrate und Arbeitslosenquote. Er ist wissenschaftlich wenig aussagekräftig, macht aber anschaulich, warum Stagflation als besonders belastend gilt: Beide Probleme treffen die Haushalte zur selben Zeit.
Wie es zur Stagflation kommt
Die Ursachen liegen meist auf der Angebotsseite. Am Anfang steht häufig ein Schock: Ein wichtiger Produktionsfaktor wird plötzlich knapp und teuer, typischerweise Energie. Unternehmen zahlen mehr für Öl, Gas oder Vorprodukte und geben die Kosten über höhere Preise weiter. Gleichzeitig lohnt sich manche Produktion nicht mehr, Investitionen werden verschoben. Haushalte geben mehr für Energie aus und haben für anderes weniger übrig, die Nachfrage sinkt.
Typische Auslöser
- starke Preissprünge bei Energie und Rohstoffen
- unterbrochene Lieferketten, etwa nach Kriegen, Embargos oder Pandemien
- Missernten, die Lebensmittel verteuern
- eine Lohn-Preis-Spirale, bei der höhere Preise zu höheren Lohnforderungen führen und diese wieder zu höheren Preisen
- eine über längere Zeit zu lockere Geldpolitik, die die Inflationserwartungen steigen lässt
Der letzte Punkt macht Stagflation hartnäckig. Rechnen Unternehmen, Beschäftigte und Anleger fest mit weiter steigenden Preisen, richten sie ihr Verhalten danach aus. Die Inflation verselbständigt sich dann, auch wenn der ursprüngliche Schock längst abgeklungen ist.
Historische Beispiele
Die bekanntesten Beispiele stammen aus den 1970er-Jahren, als zwei Ölkrisen kurz hintereinander die Industrieländer trafen.
Die Ölkrisen der 1970er-Jahre
Nach der ersten Ölkrise lag die Inflation in Westdeutschland 1973 und 1974 bei rund 7 Prozent. 1975 schrumpfte die Wirtschaft, und die Zahl der Arbeitslosen überschritt erstmals seit den 1950er-Jahren wieder die Marke von einer Million. In anderen Ländern war die Lage noch drastischer, in den USA und in Großbritannien erreichte die Teuerung zweistellige Werte.
Die zweite Ölkrise 1979/80, ausgelöst unter anderem durch die Revolution im Iran, ließ die Preise erneut steigen. In den USA lag die Inflation 1980 bei über 13 Prozent. Die US-Notenbank hob den Leitzins daraufhin zeitweise auf rund 20 Prozent an. Das brach die Inflation, kostete aber eine schwere Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit zu Beginn der 1980er-Jahre.
Deutschland als Sonderfall
Die Bundesbank steuerte in den 1970er-Jahren vergleichsweise straff und stellte die Preisstabilität in den Vordergrund. Die Inflation blieb dadurch niedriger als in vielen Nachbarländern. Ganz vermeiden ließ sich die Stagflation aber auch hierzulande nicht, weil die Energiepreise von außen kamen und sich mit Geldpolitik nicht senken ließen.
Die Jahre 2022 und 2023
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine stiegen die Energiepreise in Europa stark. Die Inflationsrate in Deutschland lag 2022 im Jahresdurchschnitt bei 6,9 Prozent und 2023 bei 5,9 Prozent, jeweils nach Angaben des Statistischen Bundesamts. Die Wirtschaftsleistung schrumpfte 2023 leicht. Ob das eine Stagflation war, ist umstritten: Die Arbeitslosigkeit blieb vergleichsweise niedrig, und die Inflation ging ab Ende 2023 deutlich zurück. Viele Fachleute sprachen daher eher von stagflationären Tendenzen als von einer Stagflation im Ausmaß der 1970er-Jahre.
Das Dilemma der Notenbank
Für eine Zentralbank mit dem Auftrag der Preisstabilität ist Stagflation ein echter Zielkonflikt. Gegen Inflation hilft normalerweise ein höherer Leitzins: Kredite werden teurer, Nachfrage und Preisauftrieb lassen nach. In einer stagnierenden Wirtschaft verschärft genau das die Schwäche. Unternehmen investieren noch weniger, Arbeitsplätze geraten in Gefahr.
Senkt die Notenbank dagegen die Zinsen, um die Wirtschaft zu stützen, riskiert sie, die Inflation weiter anzuheizen und das Vertrauen in die Währung zu beschädigen. Beide Wege haben einen Preis.
| Strategie | Wirkung auf die Inflation | Wirkung auf das Wachstum | Risiko |
|---|---|---|---|
| Zinsen erhöhen | dämpft | bremst zusätzlich | tiefere Rezession, mehr Arbeitslose |
| Zinsen senken oder niedrig halten | heizt an | stützt kurzfristig | Inflation verfestigt sich |
Die Erfahrung der 1970er-Jahre hat viele Notenbanken geprägt. Die verbreitete Lehre lautet: Wer zu lange zögert, muss später umso härter bremsen. Die Europäische Zentralbank hob ihre Leitzinsen 2022 und 2023 in kurzer Folge an, den Einlagensatz bis September 2023 auf 4 Prozent, obwohl die Konjunktur im Euroraum schwach war.
Gut zu wissen: Eine Notenbank kann einen Energieschock nicht beseitigen. Sie kann nur verhindern, dass daraus eine dauerhafte Inflation wird. Für die Ursachen auf der Angebotsseite, etwa fehlende Energiequellen, sind eher Regierungen und Unternehmen gefragt.
Folgen für Haushalte und Anleger
Im Alltag zeigen sich die Folgen schnell: Das Leben wird teurer, während Lohnerhöhungen ausbleiben und Jobs unsicherer werden. Die Kaufkraft sinkt, die Reallöhne gehen zurück. Wer ein festes Einkommen bezieht, etwa eine Rente, oder Ersparnisse in niedrig verzinsten Anlagen hält, verliert besonders.
Für Geldanlagen ist die Phase schwierig. Aktien leiden unter sinkenden Gewinnen und steigenden Zinsen, Anleihen mit fester Verzinsung verlieren durch Inflation und Zinsanstieg an Wert. Sachwerte und Rohstoffe haben sich in den 1970er-Jahren teilweise besser gehalten. Das lässt sich aber nicht verlässlich auf künftige Phasen übertragen, weil jede Krise andere Auslöser hat.
- Ein finanzielles Polster gewinnt an Bedeutung, weil Jobverluste wahrscheinlicher werden. Wie man Rücklagen aufbaut, hängt vom eigenen Budget ab.
- Variable Kreditzinsen, etwa beim Dispo oder bei Darlehen ohne Zinsbindung, können deutlich steigen.
- Eine breite Streuung über verschiedene Anlageklassen schützt nicht vor Verlusten, verteilt das Risiko aber.
Häufige Fragen
Eine Rezession beschreibt nur den Rückgang der Wirtschaftsleistung, die Preise bleiben dabei oft stabil oder steigen kaum. Bei der Stagflation kommt eine hohe Inflation hinzu. Das macht die Lage schwerer zu bekämpfen, weil Zinssenkungen die Teuerung verstärken würden.
Die Einschätzungen gehen auseinander. Die Inflation war hoch und die Wirtschaft schrumpfte leicht, die Arbeitslosigkeit stieg aber nur wenig. Viele Ökonomen sprachen deshalb von einer stagflationären Phase, nicht von einer Stagflation wie in den 1970er-Jahren.
Eine feste Dauer gibt es nicht. In den 1970er-Jahren zogen sich stagflationäre Phasen mit Unterbrechungen über fast ein Jahrzehnt. Entscheidend ist, ob sich hohe Inflationserwartungen festsetzen und wie schnell der auslösende Schock nachlässt.
Ein einfaches Rezept existiert nicht. Notenbanken setzen meist auf höhere Zinsen, um die Inflation zu brechen, und nehmen eine Abschwächung der Wirtschaft in Kauf. Regierungen können an den Ursachen ansetzen, etwa durch neue Energiequellen oder gezielte Entlastungen, die die Nachfrage nicht zusätzlich anheizen.
Quellen und weiterführende Informationen
Gesetzestexte und Angaben der genannten Stellen in der jeweils aktuellen Fassung. Beispielrechnungen dienen der Veranschaulichung.