Kaum ein Thema ist so unübersichtlich wie Versicherungen. Es gibt sie für fast alles, und viele Menschen zahlen Monat für Monat für Policen, die sie kaum brauchen, während sie bei wirklich wichtigem Schutz Lücken haben. Dabei lässt sich mit einem einzigen, einfachen Grundprinzip klären, welche Versicherungen sinnvoll sind und welche nicht. Genau dieses Prinzip schauen wir uns an.
Das Grundprinzip
Die wichtigste Regel beim Versichern lautet: Versichere die Risiken, die du finanziell nicht selbst tragen kannst, und spare dir die, die du selbst verkraften würdest. Klingt simpel, ist aber der Schlüssel zu fast jeder Versicherungsentscheidung. Eine Versicherung ist dazu da, einen vor dem finanziellen Ruin zu bewahren, nicht dazu, jeden kleinen Ärger abzudecken.
Der Grund liegt in der Funktionsweise von Versicherungen. Eine Versicherung kostet langfristig immer mehr, als sie im Durchschnitt auszahlt, denn der Versicherer muss seine Kosten und seinen Gewinn decken. Es lohnt sich also nicht, kleine, vorhersehbare Ausgaben zu versichern, weil man dafür im Schnitt draufzahlt. Sinnvoll ist eine Versicherung nur dort, wo ein Schaden so groß wäre, dass man ihn niemals aus eigener Kraft stemmen könnte.
Die entscheidende Frage bei jeder Versicherung lautet daher: Was wäre der schlimmste Fall, und könnte ich diesen aus meinen Rücklagen oder meinem Vermögen bezahlen? Wenn ja, braucht man die Versicherung meist nicht. Wenn nein, wenn der Schaden einen also finanziell überfordern würde, dann ist die Versicherung sinnvoll. Mit diesem einen Gedanken lassen sich die meisten Versicherungsfragen beantworten.
Die Faustregel: Versichern Sie große Risiken, die Sie ruinieren könnten, nicht kleine, die Sie selbst tragen können. Eine Versicherung lohnt sich dort, wo der mögliche Schaden Ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigt.
Die wirklich wichtigen Versicherungen
Wendet man dieses Prinzip an, kristallisieren sich einige wenige Versicherungen heraus, die für fast jeden sinnvoll sind, weil sie existenzbedrohende Risiken abdecken. An erster Stelle steht die private Haftpflichtversicherung. Da man für verschuldete Schäden unbegrenzt haftet und Personenschäden Millionen kosten können, ist sie unverzichtbar, zumal sie sehr günstig ist.
Ebenfalls sehr wichtig ist die Berufsunfähigkeitsversicherung. Die eigene Arbeitskraft ist für die meisten Menschen das größte Vermögen, und fällt sie weg, fällt das gesamte Einkommen weg. Die gesetzliche Absicherung reicht dafür in aller Regel nicht aus. Wer von seinem Arbeitseinkommen lebt, sollte dieses Risiko ernsthaft absichern.
Hinzu kommt für gesetzlich Versicherte die Krankenversicherung, die in Deutschland ohnehin Pflicht ist und das wohl wichtigste Risiko überhaupt abdeckt, nämlich hohe Behandlungskosten. Diese drei Bereiche, Haftpflicht, Arbeitskraft und Gesundheit, bilden das Fundament eines vernünftigen Versicherungsschutzes. Wer hier abgesichert ist, hat die größten existenziellen Risiken im Griff.
Je nach Lebenssituation
Über dieses Fundament hinaus hängt der sinnvolle Schutz stark von der persönlichen Lebenssituation ab. Wer Angehörige hat, die von seinem Einkommen abhängen, etwa eine Familie mit Kindern, sollte über eine Risiko-Lebensversicherung nachdenken. Sie sichert die Hinterbliebenen ab, falls der Hauptverdiener stirbt, und ist für Singles ohne Verpflichtungen dagegen meist überflüssig.
Wer ein Auto besitzt, braucht zwingend eine Kfz-Haftpflicht, die gesetzlich vorgeschrieben ist. Wer einen wertvollen Hausrat hat, den er nach einem Brand oder Einbruch nicht aus eigener Tasche ersetzen könnte, ist mit einer Hausratversicherung gut beraten. Wer eine Immobilie besitzt, braucht eine Gebäudeversicherung. Diese Versicherungen sind also an konkrete Lebensumstände geknüpft.
Die Kunst besteht darin, den eigenen Bedarf ehrlich zu prüfen, statt pauschal alles oder nichts zu versichern. Jeder Mensch hat eine andere Situation, andere Verpflichtungen und andere Risiken. Eine junge Familie mit Eigenheim und einem Hauptverdiener braucht anderen Schutz als ein alleinstehender Mieter ohne Kinder. Der eigene Lebensentwurf bestimmt, welche der situativen Versicherungen wirklich sinnvoll sind.
Was man sich sparen kann
Genauso wichtig wie das Wissen, was man braucht, ist das Wissen, was man sich sparen kann. Viele beliebte Versicherungen decken kleine, gut verkraftbare Risiken ab und lohnen sich nach dem Grundprinzip nicht. Dazu zählen etwa Garantieverlängerungen für Elektrogeräte, Handyversicherungen oder Versicherungen für einzelne Gegenstände wie eine Brille.
Solche Schäden sind ärgerlich, aber sie ruinieren niemanden. Ein kaputtes Handy oder eine zerbrochene Brille kann man aus den eigenen Rücklagen ersetzen. Über die Jahre zahlt man für solche Versicherungen meist mehr ein, als man je herausbekommt. Das Geld ist besser in einer allgemeinen Reserve aufgehoben, aus der man kleine Schäden bei Bedarf selbst begleicht.
Auch viele kombinierte Produkte, die Versicherung und Geldanlage vermischen, sind oft keine gute Wahl, etwa die klassische Kapitallebensversicherung. Hier gilt der Grundsatz, Versicherung und Geldanlage zu trennen: günstigen Schutz separat einkaufen und das Geld lieber kostengünstig anlegen, wie im Beitrag über ETF und Indexfonds beschrieben. Wer konsequent nur die großen Risiken versichert, spart oft erhebliche Beträge, ohne schlechter geschützt zu sein.
Häufige Fehler
Beim Thema Versicherungen passieren immer wieder dieselben Fehler. Der erste ist, viele kleine Risiken zu versichern und dabei die großen zu übersehen. Manch einer hat eine Handyversicherung, aber keine Berufsunfähigkeitsversicherung, sichert also das Kleine ab und lässt das Existenzielle offen. Das ist genau verkehrt herum.
Ein zweiter Fehler ist, Versicherung mit Geldanlage zu vermischen und dabei auf teure Kombiprodukte hereinzufallen, die in beidem schlechter sind als getrennte Lösungen. Ein dritter ist, Verträge einmal abzuschließen und nie wieder zu prüfen. Der Versicherungsbedarf ändert sich mit dem Leben, durch Familiengründung, Hauskauf oder Jobwechsel, und sollte ab und zu überdacht werden.
Ein vierter verbreiteter Fehler ist, sich Versicherungen aufschwatzen zu lassen, die man nicht braucht, sei es beim Autokauf, beim Kreditabschluss oder durch Vertreter. Hier hilft es, vor jedem Abschluss die eine zentrale Frage zu stellen: Schützt mich das vor einem Schaden, den ich nicht selbst tragen könnte? Lautet die Antwort nein, kann man fast immer dankend ablehnen.
Wie man vorgeht
Wer seinen Versicherungsschutz vernünftig ordnen will, geht am besten in Ruhe und systematisch vor. Im ersten Schritt verschafft man sich einen Überblick über alle bestehenden Verträge und prüft für jeden einzelnen die zentrale Frage, ob er ein existenzielles Risiko absichert oder nur ein kleines, selbst tragbares.
Im zweiten Schritt schließt man die Lücken beim wirklich wichtigen Schutz, also Haftpflicht, Arbeitskraft, Gesundheit und je nach Situation Risiko-Leben. Im dritten Schritt kündigt man überflüssige Versicherungen für Kleinrisiken und spart die Beiträge oder steckt sie in eine Reserve. So entsteht nach und nach ein schlanker, aber wirksamer Schutz, der das Wesentliche abdeckt.
Bei komplexen Produkten wie der Berufsunfähigkeitsversicherung lohnt sich eine unabhängige Beratung, die nicht am Verkauf bestimmter Produkte verdient. Insgesamt gilt: Versicherungen sind kein Selbstzweck und kein Sparprodukt, sondern Schutz vor dem Untragbaren. Wer sich dieses Prinzip merkt, trifft fast immer die richtige Entscheidung und gibt nicht mehr Geld aus als nötig. Am Ende geht es darum, ruhig schlafen zu können, weil die großen Risiken abgedeckt sind, ohne sich mit überflüssigen Policen zu verzetteln.
Häufige Fragen
Man versichert die Risiken, die man finanziell nicht selbst tragen kann, also existenzbedrohende Schäden. Kleine Risiken, die man aus eigenen Rücklagen begleichen kann, muss man nicht versichern, weil man dafür im Schnitt draufzahlt.
Als besonders wichtig gelten die private Haftpflichtversicherung, die Berufsunfähigkeitsversicherung und die Krankenversicherung sowie, je nach Lebenssituation, die Risiko-Lebensversicherung. Sie sichern existenzielle Risiken ab.
Versicherungen für kleine, gut verkraftbare Schäden lohnen sich oft nicht, etwa Garantieverlängerungen, Handyversicherungen oder Versicherungen für einzelne Geräte. Solche Risiken trägt man besser selbst aus der eigenen Reserve.
Meist nicht. Kombiprodukte wie die Kapitallebensversicherung sind oft in beidem schlechter als getrennte Lösungen. Besser ist es, günstigen Schutz separat einzukaufen und das Geld kostengünstig und getrennt davon anzulegen.