Was 100 Euro in 20 Jahren noch kaufen
Angenommen, ein Einkaufskorb kostet heute 100 Euro und die Preise steigen jedes Jahr um 2 Prozent. In 20 Jahren kostet derselbe Korb dann rund 148,59 Euro. Wer seine 100 Euro im Schrank aufbewahrt, kann sich damit nur noch etwa zwei Drittel des Korbs leisten. Der Geldschein ist derselbe, gekauft wird damit weniger.
Genau das beschreibt der Begriff Kaufkraft: die Menge an Gütern, die man für eine Geldeinheit erhält. Was Geld wirklich wert ist, hängt also nicht vom aufgedruckten Betrag ab, sondern von den Preisen. Die Bedeutung zeigt sich vor allem über lange Zeiträume. Ein oder zwei Prozent Preisanstieg fallen im Alltag kaum auf, über Jahrzehnte entscheiden sie darüber, ob eine Rente oder ein Sparguthaben am Ende reicht.
Nominal und real: zwei Blicke auf denselben Betrag
Ökonomen unterscheiden zwischen nominalen und realen Werten. Der Nominalwert ist der Betrag in Euro, so wie er auf Kontoauszug oder Gehaltsabrechnung steht. Der Realwert berücksichtigt die Preisentwicklung und zeigt, was dieser Betrag tatsächlich leistet. Die Kaufkraft ist damit das Gegenstück zum Preisniveau: Steigt das Preisniveau, sinkt die Kaufkraft des Geldes. Bei sinkenden Preisen, also einer Deflation, steigt sie.
Gemessen wird die Preisentwicklung in Deutschland vor allem mit dem Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamts. Er bildet die Preise eines repräsentativen Warenkorbs ab, von Lebensmitteln über Mieten und Energie bis zu Dienstleistungen. Die Veränderung des Index gegenüber dem Vorjahr ist die Inflationsrate. Mehr zu Ursachen und Folgen steht im Beitrag zur Inflation.
Gut zu wissen: Der Warenkorb ist ein Durchschnitt, die persönliche Inflationsrate kann deutlich davon abweichen. Wer viel Energie verbraucht oder gerade eine teure Wohnung neu angemietet hat, erlebt einen stärkeren Kaufkraftverlust als jemand mit altem Mietvertrag und wenig Autofahrten. Das Statistische Bundesamt bietet einen Rechner für die persönliche Inflationsrate an.
Kaufkraftverlust berechnen
Für die Berechnung braucht man nur drei Angaben: den Betrag, die angenommene Inflationsrate und die Anzahl der Jahre. Die Formel lautet: Realwert = Betrag ÷ (1 + Inflationsrate) hoch Anzahl der Jahre. Die Inflationsrate wird als Dezimalzahl eingesetzt, 2 Prozent also als 0,02.
Das Prinzip entspricht dem Zinseszins, nur in umgekehrter Richtung: Die Teuerung wirkt jedes Jahr auf den bereits geschmälerten Wert. Zwei Beispiele zeigen, wie schnell sich das summiert.
Angenommen, 10.000 Euro liegen zehn Jahre unverzinst auf einem Konto. Die Inflation beträgt im Durchschnitt 2 Prozent pro Jahr.
Rechnung: 10.000 ÷ 1,02 hoch 10 = 10.000 ÷ 1,2190 = 8.203 Euro.
Kaufkraftverlust: 10.000 minus 8.203 = 1.797 Euro, also knapp 18 Prozent.
Bei 3 Prozent Inflation blieben nur 7.441 Euro Kaufkraft, ein Verlust von rund 26 Prozent.
| Jahre | bei 2 % Inflation | bei 3 % Inflation | bei 5 % Inflation |
|---|---|---|---|
| 5 | 906 | 863 | 784 |
| 10 | 820 | 744 | 614 |
| 20 | 673 | 554 | 377 |
| 30 | 552 | 412 | 231 |
Faustregel für die Halbierung
Eine schnelle Schätzung erlaubt die 70er-Regel: 70 geteilt durch die Inflationsrate ergibt ungefähr die Zahl der Jahre, nach denen sich die Kaufkraft halbiert. Bei 2 Prozent sind das etwa 35 Jahre, bei 3 Prozent etwa 23 Jahre. Wer heute für einen Ruhestand in drei Jahrzehnten plant, sollte diese Größe kennen.
Kaufkraft des Einkommens: Löhne gegen Preise
Für Haushalte zählt nicht nur, was Erspartes wert ist, sondern auch, was das laufende Einkommen leistet. Steigt der Lohn um 3 Prozent, die Preise aber um 5 Prozent, ist die Gehaltserhöhung real ein Verlust. Man spricht dann von sinkenden Reallöhnen.
Angenommen, das Nettogehalt steigt von 2.500 auf 2.575 Euro, also um 3 Prozent.
Die Inflation liegt im selben Zeitraum bei 5 Prozent.
Realwert des neuen Gehalts in Preisen des Vorjahres: 2.575 ÷ 1,05 = 2.452 Euro.
Ergebnis: Real stehen rund 48 Euro im Monat weniger zur Verfügung als vor der Erhöhung.
Genau das haben viele Beschäftigte in Deutschland 2022 erlebt, als die Inflationsrate im Jahresdurchschnitt bei 6,9 Prozent lag und die Löhne nicht Schritt hielten. Das Statistische Bundesamt meldete für dieses Jahr einen deutlichen Rückgang der Reallöhne. Besonders spürbar wird so etwas in Phasen der Stagflation, wenn Preise steigen und die Wirtschaft gleichzeitig schwächelt. Für Ruheständler gilt dieselbe Logik: Ob eine Rentenerhöhung die Kaufkraft erhält, hängt davon ab, ob sie über der Inflationsrate liegt.
Regionale Kaufkraft: gleiches Gehalt, unterschiedlicher Spielraum
Kaufkraft hat eine zweite Bedeutung, die vor allem in Marktforschung und Standortplanung verwendet wird. Dort meint sie das verfügbare Einkommen der Bevölkerung einer Region, also das Geld, das nach Steuern und Sozialabgaben für Konsum, Miete und Sparen bleibt. Marktforschungsinstitute veröffentlichen dazu regelmäßig Kaufkraftkennziffern für Städte und Landkreise, meist als Index mit dem Bundesdurchschnitt bei 100.
Diese Kennziffern haben eine Schwäche: Sie berücksichtigen in der Regel nicht, dass auch die Preise regional verschieden sind. Ein Landkreis im Umland von München hat eine hohe Kaufkraftkennziffer, zugleich aber sehr hohe Mieten. In vielen ländlichen Regionen sind die Einkommen niedriger, das Wohnen ist aber deutlich günstiger. Was am Monatsende übrig bleibt, kann deshalb ähnlicher sein, als die Rangliste vermuten lässt.
Wohnkosten als größter Unterschied
Lebensmittel, Kleidung oder Elektronik kosten in Hamburg und in einer Kleinstadt in Brandenburg ungefähr gleich viel, bei der Miete liegen dagegen Welten dazwischen. Wer einen Umzug oder ein Jobangebot in einer anderen Stadt prüft, sollte deshalb nicht nur das Gehalt vergleichen, sondern Wohnen, Pendeln und Kinderbetreuung gegenrechnen.
Kaufkraftparität: Preise über Grenzen vergleichen
Die Kaufkraftparität (englisch Purchasing Power Parity, kurz PPP) ist ein Konzept aus der Volkswirtschaftslehre. Es besagt, dass ein identischer Warenkorb in verschiedenen Ländern gleich viel kosten sollte, wenn man die Preise mit dem Wechselkurs umrechnet. Kostet ein Warenkorb in Deutschland 100 Euro und in den USA 120 Dollar, läge der kaufkraftgerechte Kurs bei 1 Euro = 1,20 Dollar.
Weicht der tatsächliche Marktkurs davon ab, gilt eine Währung als über- oder unterbewertet. Steht der Euro im Beispiel bei 1,05 Dollar, ist er gemessen an der Kaufkraftparität unterbewertet. Für Besucher aus dem Euroraum wirken die USA dann teuer, für Amerikaner wirkt Europa günstig.
Wofür die Kaufkraftparität genutzt wird
- Internationale Organisationen rechnen das Bruttoinlandsprodukt verschiedener Länder in Kaufkraftparitäten um, damit Wohlstandsvergleiche nicht durch Wechselkursschwankungen verzerrt werden.
- In der EU verwendet das Statistische Amt Eurostat dafür eine eigene Kunstwährung, den Kaufkraftstandard.
- Ein bekanntes, eher spielerisches Beispiel ist der Big-Mac-Index, der seit den 1980er-Jahren die Preise eines Burgers weltweit vergleicht.
Als Prognoseinstrument für Wechselkurse taugt die Kaufkraftparität nur langfristig und auch dann nur grob. Viele Güter, vor allem Dienstleistungen und Wohnraum, werden nicht international gehandelt. Zölle, Transportkosten und Kapitalströme sorgen dafür, dass Marktkurse jahrelang von der Parität abweichen können.
Was gegen Kaufkraftverlust hilft
Ganz verhindern lässt sich der Kaufkraftverlust nicht, ausgleichen schon. Entscheidend ist, dass Erträge nach Steuern über der Inflationsrate liegen. Diese Größe heißt Realrendite.
- Zinsen vergleichen: Unverzinstes Geld auf dem Girokonto verliert sicher an Wert. Tagesgeld oder Festgeld gleichen die Inflation je nach Zinsphase teilweise oder ganz aus.
- Sachwerte und Aktien: Unternehmensbeteiligungen und Immobilien haben die Inflation über lange Zeiträume historisch häufig übertroffen, schwanken aber stark und können auch über Jahre im Minus liegen.
- Real rechnen: Sparziele und Altersvorsorge mit realen Werten planen. Wer 30 Jahre vor dem Ruhestand 1.500 Euro Monatsrente für ausreichend hält, braucht bei 2 Prozent Inflation nominal rund 2.700 Euro für dieselbe Kaufkraft.
- Einkommen im Blick behalten: Bei Gehaltsverhandlungen ist die Inflationsrate ein sachliches Argument. Eine Erhöhung unterhalb der Teuerung ist real eine Kürzung.
Wie hoch der eigene Ertrag nach Abzug von Inflation, Kosten und Steuern tatsächlich ausfällt, erklärt der Beitrag zur Rendite.
Häufige Fragen
Man teilt den heutigen Betrag durch eins plus Inflationsrate, hoch die Anzahl der Jahre. Bei 2 Prozent Inflation sind 1.000 Euro nach zehn Jahren noch etwa 820 Euro wert. Die Differenz zum Ausgangsbetrag ist der Kaufkraftverlust.
Inflation misst, wie stark die Preise steigen. Kaufkraft beschreibt, was man für sein Geld bekommt. Beide hängen direkt zusammen: Steigt die Inflation, sinkt die Kaufkraft.
Ein Index von 110 heißt, dass das verfügbare Einkommen pro Kopf in dieser Region 10 Prozent über dem Bundesdurchschnitt liegt. Über die Lebenshaltungskosten sagt der Wert nichts. In teuren Regionen kann ein großer Teil des Vorsprungs durch höhere Mieten aufgezehrt werden.
Kaufkraftparität ist der Wechselkurs, bei dem ein gleicher Warenkorb in zwei Ländern gleich viel kostet. Sie dient vor allem dazu, Einkommen und Wirtschaftsleistung international vergleichbar zu machen. Der tatsächliche Wechselkurs kann davon lange und deutlich abweichen.
Quellen und weiterführende Informationen
Gesetzestexte und Angaben der genannten Stellen in der jeweils aktuellen Fassung. Beispielrechnungen dienen der Veranschaulichung.