Was ist Auftragsfinanzierung?

Auftragsfinanzierung ist die Vorfinanzierung der Kosten, die ein Unternehmen für einen konkreten, bereits erteilten Auftrag aufwenden muss. Der Finanzierer stellt Mittel für Material, Personal und Fremdleistungen bereit. Zurückgezahlt wird aus der Zahlung des Auftraggebers, sobald die Leistung erbracht und abgerechnet ist.

Anders als bei einem allgemeinen Betriebsmittelkredit steht nicht die Bilanz des Unternehmens im Vordergrund, sondern das einzelne Projekt. Der Finanzierer schaut darauf, ob der Auftrag wirtschaftlich tragfähig ist, ob der Auftraggeber zahlungsfähig ist und ob das Unternehmen die Leistung zuverlässig liefern kann. Gerade wachsende Firmen, deren Auftragsbestand schneller steigt als ihre Kreditlinien, nutzen dieses Modell.

Der Zweck ist eng umrissen: Die Finanzierung soll die Zeit zwischen den ersten Ausgaben und dem Zahlungseingang überbrücken, mehr nicht. Sie endet automatisch mit dem Projekt. Für Maschinen, Fahrzeuge oder andere Anschaffungen, die über den einzelnen Auftrag hinaus genutzt werden, ist sie nicht gedacht. Wer dauerhaft zu wenig Eigenmittel für sein laufendes Geschäft hat, löst das Problem mit einzelnen Auftragsfinanzierungen ebenfalls nicht, sondern verschiebt es nur.

Die Finanzierungslücke an einem Beispiel

Wie groß der Bedarf ist, zeigt erst ein Blick auf den zeitlichen Verlauf. Das folgende Beispiel ist frei angenommen und rechnet ohne Umsatzsteuer: Ein Metallbauer erhält einen Auftrag über 240.000 Euro mit fünf Monaten Bauzeit. Vereinbart sind 20 Prozent Anzahlung, 30 Prozent Abschlag nach dem dritten Monat und 50 Prozent nach Abnahme mit 60 Tagen Zahlungsziel.

Zahlungsströme eines Projekts über sieben Monate (Beispielwerte in Euro)
MonatEinzahlungenAuszahlungenSaldo kumuliert
148.000 (Anzahlung)110.000 (Material 90.000, Personal 20.000)minus 62.000
2020.000 (Personal)minus 82.000
372.000 (Abschlag)50.000 (Personal 20.000, Subunternehmer 30.000)minus 60.000
4020.000 (Personal)minus 80.000
5020.000 (Personal, Abnahme)minus 100.000
600minus 100.000
7120.000 (Schlusszahlung)0plus 20.000

Obwohl der Auftrag am Ende 20.000 Euro Überschuss bringt, muss der Betrieb zwischenzeitlich bis zu 100.000 Euro vorstrecken. Wer diese Summe nicht aus eigener Liquidität oder einer freien Kreditlinie aufbringen kann, muss den Auftrag ablehnen oder riskiert Zahlungsengpässe bei Lieferanten und Löhnen. Genau hier setzt die Auftragsfinanzierung an.

Wo Auftragsfinanzierung typisch ist

Gebraucht wird sie überall dort, wo zwischen dem Beginn der Arbeit und dem Zahlungseingang viel Zeit vergeht und hohe Vorleistungen anfallen:

  • Bau, Ausbau und Handwerk mit größeren Gewerken
  • Maschinen- und Anlagenbau, Sondermaschinen
  • Messebau, Ladenbau und Veranstaltungstechnik
  • IT- und Softwareprojekte mit Meilensteinzahlungen
  • Zulieferer, die für einen Großkunden Material in großen Mengen einkaufen müssen

Im Bauvertragsrecht gibt es mit den Abschlagszahlungen nach § 632a BGB ein gesetzliches Werkzeug, um Vorleistungen zu verringern. Die volle Vergütung wird beim Werkvertrag aber grundsätzlich erst mit der Abnahme fällig (§ 641 BGB). Bis dahin bleibt immer ein Teil der Kosten beim Auftragnehmer hängen.

Rechenbeispiel: KI-Projekt mit Meilensteinzahlungen

Angenommen, ein Mittelständler beauftragt einen Dienstleister für künstliche Intelligenz, etwa eine KI Agentur Bonn, mit einem Assistenzsystem für den Kundenservice. Das Projekt hat ein Volumen von 120.000 Euro und läuft sechs Monate.

Vereinbart sind drei Zahlungen: 20 Prozent bei Auftrag (24.000 Euro), 30 Prozent nach dem Prototyp im vierten Monat (36.000 Euro) und 50 Prozent nach der Abnahme (60.000 Euro).

Für Personal und Rechenleistung fallen angenommen 16.000 Euro pro Monat an, nach vier Monaten also 64.000 Euro.

Bis zur zweiten Zahlung fehlen: 64.000 minus 24.000 = 40.000 Euro.

Ergebnis: Die Agentur muss rund 40.000 Euro vorfinanzieren, obwohl der Auftrag sicher und profitabel ist. Genau diese Lücke kann eine Auftragsfinanzierung schließen.

Wie die Finanzierung aufgebaut ist

Prüfung des Auftrags

Der Finanzierer lässt sich den Vertrag, die Kalkulation und einen Zahlungsplan vorlegen. Er prüft, ob die Marge realistisch ist und ob der Auftraggeber die Rechnung voraussichtlich bezahlen wird. Bei öffentlichen Auftraggebern ist das Ausfallrisiko gering, bei kleinen privaten Bauherren oder Kunden im Ausland höher. Ebenso wichtig ist die Erfahrung des Unternehmens mit vergleichbaren Projekten.

Auszahlung nach Fortschritt

Das Geld fließt in der Regel nicht auf einmal, sondern in Tranchen. Oft zahlt der Finanzierer Lieferanten- und Subunternehmerrechnungen direkt, damit die Mittel tatsächlich im Projekt ankommen. Personalkosten werden meist pauschal nach Baufortschritt freigegeben.

Sicherheiten

Zentrale Sicherheit ist die Abtretung der Forderungen aus dem Auftrag. Der Auftraggeber zahlt dann direkt an den Finanzierer, der seinen Anteil einbehält und den Rest weiterleitet. Ergänzend kommen Sicherungsübereignung von Material, persönliche Bürgschaften der Gesellschafter oder eine Warenkreditversicherung auf den Auftraggeber in Betracht. Ist im Vertrag ein Abtretungsverbot vereinbart, wird die Finanzierung schwieriger; im Geschäft zwischen Kaufleuten ist eine Abtretung von Geldforderungen nach § 354a HGB allerdings trotzdem wirksam. Der Auftraggeber darf dann aber weiterhin mit befreiender Wirkung an das Unternehmen zahlen, was der Finanzierer bei der Gestaltung berücksichtigen muss.

Was Auftragsfinanzierung kostet

Weil der Finanzierer ein Projektrisiko trägt, ist die Auftragsfinanzierung meist teurer als ein gut besicherter Bankkredit. Üblich sind ein Zins auf den tatsächlich in Anspruch genommenen Betrag sowie eine Bearbeitungs- oder Strukturierungsgebühr. Manche Anbieter verlangen statt eines Zinses eine Beteiligung am Projektergebnis.

Kosten im Beispielprojekt

Angenommen, der Metallbauer finanziert die gesamte Lücke aus der Tabelle oben zu 9 Prozent Jahreszins, also 0,75 Prozent pro Monat auf den jeweils offenen Saldo.

Summe der Monatsendsalden von Monat 1 bis 6: 62.000 + 82.000 + 60.000 + 80.000 + 100.000 + 100.000 = 484.000 Euro.

Zinsen: 484.000 × 0,0075 = 3.630 Euro.

Dazu eine angenommene Bearbeitungsgebühr von 1 Prozent auf den Rahmen von 100.000 Euro: 1.000 Euro.

Gesamtkosten: 4.630 Euro. Vom Projektüberschuss von 20.000 Euro bleiben 15.370 Euro.

Fast ein Viertel des Überschusses geht in diesem Beispiel an den Finanzierer. Das kann sich trotzdem rechnen, wenn der Auftrag sonst gar nicht angenommen werden könnte oder Folgeaufträge sichert. Vor der Entscheidung lohnt ein ehrlicher Blick auf den Deckungsbeitrag des Projekts: Bei knapper Kalkulation verwandelt eine teure Finanzierung einen kleinen Gewinn schnell in einen Verlust.

Auftragsfinanzierung im Vergleich

Mehrere Instrumente greifen an unterschiedlichen Stellen des Projekts. Oft werden sie kombiniert.

Finanzierungsinstrumente entlang eines Auftrags
InstrumentFinanziertZeitpunktTypische Grenze
AuftragsfinanzierungMaterial, Löhne, Fremdleistungen eines ProjektsVor und während der LeistungNur für einzelne, geprüfte Aufträge
KontokorrentkreditAlles, frei verwendbarJederzeitLinie oft zu klein für große Projekte
EinkaufsfinanzierungEinzelne LieferantenrechnungenBeim MaterialeinkaufDeckt keine Lohnkosten
FactoringBestehende RechnungenNach RechnungsstellungGreift erst nach Leistung und Abnahme
AvalkreditKeine Liquidität, sondern BürgschaftenBei VertragsschlussErmöglicht Anzahlungen, ersetzt aber keinen Kredit

Besonders wirksam ist die Kombination mit einer Anzahlungsbürgschaft. Viele Auftraggeber leisten eine Anzahlung nur gegen eine Bankbürgschaft. Wer diese über einen Avalkredit stellen kann, erhält früher Geld vom Kunden und braucht weniger Fremdfinanzierung. Für Investitionen, die über das einzelne Projekt hinausgehen, kommen eher Förderkredite in Frage.

Typische Stolpersteine

Wichtig zu wissen: Das größte Risiko liegt nicht beim Finanzierer, sondern beim Projekt selbst. Verzögert sich die Abnahme oder rügt der Kunde Mängel, verschiebt sich die Schlusszahlung, während Zinsen weiterlaufen.

  • Zu knappe Kalkulation: Finanzierungskosten wurden im Angebot nicht berücksichtigt.
  • Nachträge: Zusatzleistungen, die erst später abgerechnet werden, erhöhen den Finanzierungsbedarf über den vereinbarten Rahmen hinaus.
  • Einbehalte: Sicherheitseinbehalte für Gewährleistung, im Bau verbreitet, fehlen bei der Rückzahlung.
  • Ausfall des Auftraggebers: Bei einer Insolvenz des Kunden haftet das Unternehmen gegenüber dem Finanzierer meist weiter, sofern nichts anderes vereinbart ist.

Wer eine Auftragsfinanzierung nutzt, sollte deshalb einen Puffer für Verzögerungen einplanen und die Zahlungsbedingungen mit dem Kunden so gestalten, dass möglichst viel früh fließt. Anzahlungen und regelmäßige Abschläge senken den Bedarf oft stärker als jede Verhandlung über den Zinssatz.

Häufige Fragen

Factoring finanziert Rechnungen, die bereits geschrieben sind, also nach erbrachter Leistung. Die Auftragsfinanzierung setzt früher an und deckt die Kosten während der Ausführung. In der Praxis wird ein Auftrag oft zunächst über eine Auftragsfinanzierung vorfinanziert und die Schlussrechnung dann über Factoring abgelöst.

Klassische Sicherheiten wie Grundschulden sind meist nicht nötig, weil der Auftrag selbst als Sicherheit dient. Der Finanzierer lässt sich die Forderung gegen den Auftraggeber abtreten. Ganz ohne Sicherheit geht es also nicht, die Sicherheit ist nur eine andere.

Wegen Prüfaufwand und Gebühren lohnt sie sich eher bei größeren Aufträgen, häufig ab einem mittleren fünfstelligen Betrag. Bei kleinen Aufträgen sind ein Kontokorrentkredit oder eine Anzahlung des Kunden meist günstiger. Die Grenzen setzt jeder Finanzierer selbst.

Dann bleibt das Unternehmen in der Regel zur Rückzahlung verpflichtet. Nur wenn ausdrücklich eine Übernahme des Ausfallrisikos vereinbart ist, trägt der Finanzierer den Verlust. Viele Betriebe sichern das Risiko deshalb zusätzlich ab, etwa über eine Kreditversicherung.

Quellen und weiterführende Informationen

Gesetzestexte und Angaben der genannten Stellen in der jeweils aktuellen Fassung. Beispielrechnungen dienen der Veranschaulichung.