Ein typischer Fall aus dem Bau

Ein Bauunternehmen hat ein Gebäude fertiggestellt, der Bauherr hat es abgenommen. Für mögliche Mängel möchte er nun fünf Prozent der Auftragssumme für die Dauer der Gewährleistung einbehalten. Bei einem Auftrag über 800.000 Euro wären das 40.000 Euro, die dem Unternehmen jahrelang fehlen würden.

Die übliche Lösung: Der Bauherr zahlt den vollen Betrag aus, und das Unternehmen übergibt ihm stattdessen eine Gewährleistungsbürgschaft seiner Bank. Tritt ein Mangel auf, den das Unternehmen nicht beseitigt, kann sich der Bauherr an die Bank halten. Die Bank gewährt ihrem Kunden damit einen Kredit, allerdings keinen Geldkredit, sondern einen Haftungskredit. Genau das ist ein Avalkredit.

Was ist ein Avalkredit?

Beim Avalkredit stellt die Bank nicht ihr Geld, sondern ihre Kreditwürdigkeit zur Verfügung. Sie verpflichtet sich gegenüber einem Gläubiger ihres Kunden, für dessen Verbindlichkeiten einzustehen. Das Wort Aval stammt aus dem Französischen und bezeichnete ursprünglich die Bürgschaft auf einem Wechsel.

Drei Parteien sind beteiligt: der Kunde der Bank (Avalkreditnehmer), die Bank als Bürge oder Garant und der Begünstigte, also der Gläubiger, der die Sicherheit verlangt. Zwischen Kunde und Bank besteht ein Kreditvertrag, zwischen Bank und Begünstigtem die eigentliche Bürgschaft oder Garantie.

Solange der Kunde seine Pflichten erfüllt, zahlt die Bank nie etwas, und für ihn bleibt es bei der Avalprovision. Erst wenn der Begünstigte die Bürgschaft in Anspruch nimmt, wird aus dem Haftungskredit ein echter Geldkredit: Die Bank zahlt und fordert den Betrag von ihrem Kunden zurück.

Bürgschaft oder Garantie: der rechtliche Unterschied

Avale gibt es in zwei rechtlichen Formen. Im Alltag funktionieren beide gleich, im Ernstfall unterscheiden sie sich aber deutlich.

Bankbürgschaft

Die Bürgschaft ist in den §§ 765 ff. BGB geregelt und hängt vom Bestand der Hauptschuld ab (Akzessorietät). Die Bank kann daher grundsätzlich dieselben Einwendungen erheben wie ihr Kunde, etwa dass gar kein Mangel vorliegt. Bankbürgschaften werden fast immer als selbstschuldnerische Bürgschaft gestellt: Der Gläubiger muss nicht erst gegen den Hauptschuldner vorgehen. Für Banken als Kaufleute folgt das bei Handelsgeschäften ohnehin aus § 349 HGB.

Garantie und Bürgschaft auf erstes Anfordern

Eine Garantie ist vom Grundgeschäft unabhängig. Bei einer Zahlung auf erstes Anfordern muss die Bank zahlen, sobald der Begünstigte den Garantiefall formgerecht erklärt, ohne zu prüfen, ob er im Recht ist. Streit wird erst danach zwischen den Vertragspartnern ausgetragen. Im internationalen Geschäft ist diese Form verbreitet. Für den Kunden ist sie riskanter, weil er schnell Geld verlieren kann, das er später mühsam zurückfordern muss.

Wichtig zu wissen: Bürgschaften auf erstes Anfordern in vorformulierten Vertragsbedingungen hat die Rechtsprechung in bestimmten Konstellationen, etwa in Bauverträgen, für unwirksam gehalten. Wer eine solche Sicherheit vertraglich zusagen soll, lässt die Klausel vorher prüfen.

Die wichtigsten Arten von Avalen

Welche Arten von Avalen ein Unternehmen braucht, hängt stark von der Branche ab. Bauunternehmen und Anlagenbauer stellen fast täglich Anzahlungs-, Vertragserfüllungs- und Gewährleistungsbürgschaften, Händler eher Zahlungs- und Zollbürgschaften.

Benannt werden Avale nach dem Zweck, den sie absichern. Die Bank haftet immer nur für den Betrag und den Zweck, der in der Bürgschaftsurkunde steht.

Gängige Avalarten und wofür sie stehen
AvalartWen sie schütztWofür
AnzahlungsbürgschaftDen Auftraggeber, der vorab zahltRückzahlung einer Anzahlung, falls der Auftragnehmer nicht liefert
VertragserfüllungsbürgschaftDen AuftraggeberOrdnungsgemäße und fristgerechte Ausführung des Auftrags
GewährleistungsbürgschaftDen Auftraggeber nach der AbnahmeErsetzt einen Bareinbehalt für Mängelansprüche während der Gewährleistungszeit
MietbürgschaftDen VermieterErsetzt die Barkaution, bei Gewerbe- wie bei Wohnraummiete
ZahlungsbürgschaftDen LieferantenZahlungen des Kunden, etwa gegenüber Großlieferanten
Zoll- und SteuerbürgschaftDie FinanzverwaltungGestundete Zölle oder Steuern
ProzessbürgschaftDie Gegenpartei im RechtsstreitSicherheitsleistung, etwa zur Abwendung der Zwangsvollstreckung aus einem vorläufig vollstreckbaren Urteil

Bei Wohnraummiete darf die Mietsicherheit höchstens drei Monatsmieten ohne Betriebskostenvorauszahlung betragen (§ 551 BGB), egal ob sie bar oder als Bürgschaft geleistet wird. Für Prozessbürgschaften erlaubt § 108 ZPO ausdrücklich die Bürgschaft eines Kreditinstituts als Sicherheitsleistung. Im Außenhandel ergänzen Avale andere Instrumente wie das Akkreditiv, etwa als Anzahlungsgarantie für einen ausländischen Besteller.

Avalprovision: Was ein Aval kostet

Der Preis eines Avals ist die Avalprovision. Sie wird als Prozentsatz pro Jahr auf den Bürgschaftsbetrag berechnet und meist quartalsweise im Voraus belastet. Die Höhe hängt von der Bonität des Kunden, den gestellten Sicherheiten und der Laufzeit ab. Häufig kommen eine Ausfertigungsgebühr je Urkunde und eine Mindestprovision hinzu.

Rechenbeispiel (angenommene Konditionen)

Angenommen, das Bauunternehmen aus dem Eingangsbeispiel braucht eine Gewährleistungsbürgschaft über 40.000 Euro für fünf Jahre.

Avalprovision angenommen 1,5 Prozent pro Jahr: 40.000 × 1,5 % = 600 Euro jährlich.

Über fünf Jahre: 3.000 Euro, dazu einmalig angenommen 100 Euro Ausfertigungsgebühr. Gesamtkosten: 3.100 Euro.

Alternative Bareinbehalt: 40.000 Euro fehlen fünf Jahre lang. Müsste das Unternehmen diese Summe über einen Kredit zu angenommen 10 Prozent ersetzen, kostete das 20.000 Euro Zinsen.

Ergebnis: Das Aval ist in diesem Beispiel rund 16.900 Euro günstiger.

Der Vergleich zeigt, warum Avale im Bau und im Anlagenbau Standard sind. Weil die Bank im Normalfall kein Geld auszahlt, liegt die Avalprovision deutlich unter dem Zinssatz eines Barkredits. Billig ist sie trotzdem nicht: Wer viele Bürgschaften über lange Zeit offen hat, zahlt in Summe erhebliche Beträge.

Avalrahmen, Sicherheiten und Alternativen

Unternehmen, die regelmäßig Bürgschaften brauchen, vereinbaren mit ihrer Bank einen Avalrahmen. Innerhalb dieses Rahmens rufen sie einzelne Bürgschaften ab, ohne jedes Mal eine neue Kreditprüfung zu durchlaufen. Die Bank behandelt den Rahmen wie einen Kredit: Sie prüft Jahresabschlüsse, verlangt unter Umständen Sicherheiten und rechnet offene Avale auf das Gesamtobligo des Kunden an. Ein ausgeschöpfter Avalrahmen kann deshalb den Spielraum für andere Kredite wie den Kontokorrentkredit einengen.

Neben Banken bieten auch Versicherer Bürgschaften an, meist als Kautionsversicherung, einer Sparte der Kreditversicherung. Sie verlangen oft weniger Sicherheiten und belasten nicht die Kreditlinien bei der Hausbank. Für mittelständische Bauunternehmen mit hohem Bürgschaftsbedarf ist das eine verbreitete Ergänzung.

Wenn die Bürgschaft gezogen wird oder endet

Nimmt der Begünstigte die Bürgschaft in Anspruch, zahlt die Bank und belastet den Betrag ihrem Kunden. Aus dem Aval wird ein normaler Kredit mit Zinsen. Kann der Kunde nicht zahlen, verwertet die Bank ihre Sicherheiten. Für die Kreditbeziehung ist eine gezogene Bürgschaft außerdem ein Warnsignal.

Wird eine Bürgschaft zu Unrecht gezogen, etwa weil der behauptete Mangel gar nicht besteht, muss sich der Kunde das Geld beim Begünstigten zurückholen. Bei einer einfachen Bürgschaft kann die Bank solche Einwände schon vor der Zahlung erheben. Bei einer Garantie auf erstes Anfordern bleibt dem Kunden meist nur der nachträgliche Rechtsweg, was Zeit und Geld kostet.

Ein Aval endet nicht automatisch mit dem Ablauf der Gewährleistungsfrist. Enthält die Urkunde kein festes Ablaufdatum, wird die Bank in der Regel erst frei, wenn ihr die Originalurkunde zurückgegeben wird oder der Begünstigte schriftlich auf seine Rechte verzichtet.

Gut zu wissen: Viele Unternehmen zahlen jahrelang Avalprovision für Bürgschaften, deren Zweck längst erledigt ist, weil niemand die Urkunden zurückfordert. Eine regelmäßig gepflegte Liste aller offenen Avale mit Ablaufdaten spart Geld und schafft Platz im Avalrahmen.

Vorteile und Grenzen auf einen Blick

  • Liquidität bleibt im Unternehmen: Statt Bargeld zu hinterlegen, bleibt die Liquidität für den laufenden Betrieb verfügbar.
  • Günstiger als ein Barkredit: Die Avalprovision liegt in der Regel unter dem Kreditzins.
  • Anerkannte Sicherheit: Auftraggeber, Vermieter und Behörden akzeptieren Bankbürgschaften als vollwertigen Ersatz für Bargeld.
  • Belastung des Kreditrahmens: Offene Avale zählen bei der Bank wie Kredite.
  • Laufende Kosten: Die Provision fällt an, bis die Urkunde zurück ist oder das Aval abläuft.
  • Risiko bei Garantien auf erstes Anfordern: Die Bank zahlt auch dann, wenn die Forderung strittig ist.

Häufige Fragen

Die Bürgschaft ist die Erklärung der Bank gegenüber dem Gläubiger. Der Avalkredit ist das Kreditverhältnis zwischen Bank und Kunde, auf dessen Grundlage die Bank diese Bürgschaft übernimmt. Im Sprachgebrauch werden beide Begriffe oft vermischt.

Einen festen Satz gibt es nicht, die Bank kalkuliert nach Bonität, Sicherheiten und Laufzeit. Bei guten Kunden liegt die Provision oft im niedrigen einstelligen Prozentbereich pro Jahr. Mindestgebühren können kleine Bürgschaften relativ teuer machen.

Ja, am häufigsten als Mietbürgschaft statt Barkaution. Banken verlangen dafür allerdings oft eine Sicherheit, zum Beispiel ein verpfändetes Sparguthaben. Dann bleibt vom Liquiditätsvorteil wenig übrig.

Mit dem in der Urkunde genannten Ablaufdatum, mit Rückgabe der Originalurkunde oder mit einem schriftlichen Verzicht des Begünstigten. Bis dahin berechnet die Bank in der Regel weiter Avalprovision.

Quellen und weiterführende Informationen

Gesetzestexte und Angaben der genannten Stellen in der jeweils aktuellen Fassung. Beispielrechnungen dienen der Veranschaulichung.